KATYN — 22.000 MENSCHEN VERSCHWANDEN IN DER NACHT: DAS MASSAKER, DAS DIE SOWJETUNION JAHRZEHNTELANG VERLEUGNETE

KATYN — 22.000 MENSCHEN VERSCHWANDEN IN DER NACHT: DAS MASSAKER, DAS DIE SOWJETUNION JAHRZEHNTELANG VERLEUGNETE

TEIL 1 — DIE MÄNNER, DIE NICHT ZURÜCKKAMEN

Im April 1940 bemerkte eine polnische Familie in einem kleinen Ort östlich der damaligen polnischen Grenze etwas Merkwürdiges. Seit Monaten warteten sie auf einen Brief. Auf ein Lebenszeichen. Auf irgendeine Nachricht von einem Vater, einem Sohn oder einem Ehemann, der nach dem Einmarsch der sowjetischen Armee in Gefangenschaft geraten war. Doch nichts kam. Stattdessen trafen gelegentlich Gerüchte ein. Manche sagten, die Gefangenen würden bald freigelassen. Andere behaupteten, sie würden in andere Lager gebracht. Wieder andere erzählten, die sowjetischen Behörden hätten ihnen neue Arbeitsstellen zugewiesen. Niemand wusste, welche Version stimmte. Niemand ahnte, dass viele dieser Männer zu diesem Zeitpunkt längst tot waren. In abgelegenen Wäldern rund um Katyn, Kalinin und andere Orte hatte der sowjetische Geheimdienst begonnen, eine Mordaktion durchzuführen, die später zu einem der am längsten vertuschten Verbrechen des Zweiten Weltkriegs werden sollte. Die Opfer waren polnische Offiziere, Polizisten, Beamte, Ärzte, Juristen, Lehrer, Geistliche, Ingenieure und andere Angehörige einer gesellschaftlichen Elite. Mehr als 20.000 Menschen würden verschwinden. Ihre Familien würden jahrelang warten. Und eine ganze Generation würde mit einer Lüge leben müssen.

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Wenn dich historische Geschichten über vergessene Verbrechen und die Menschen dahinter interessieren, bleib bis zum Ende dabei. Denn die Geschichte von Katyn handelt nicht nur von einem Massaker. Sie handelt von einem Staat, der seine Verantwortung jahrzehntelang leugnete, von Familien, die nie aufhörten zu suchen, und von einer Wahrheit, die erst nach mehreren Generationen offiziell ausgesprochen wurde.

Um zu verstehen, warum diese Männer zu Opfern wurden, muss man einige Monate zurückgehen.

Am 23. August 1939 unterzeichneten Deutschland und die Sowjetunion einen Nichtangriffspakt, der später als Molotow-Ribbentrop-Pakt bekannt wurde. Nach außen versprachen sich die beiden Staaten gegenseitige Zurückhaltung. Hinter verschlossenen Türen enthielt das Abkommen jedoch ein geheimes Zusatzprotokoll. Osteuropa wurde in Einflusszonen aufgeteilt.

Polen sollte zwischen den beiden Diktaturen geteilt werden.

Für die polnische Bevölkerung war diese Vereinbarung eine Katastrophe, von der sie zunächst nichts wusste.

Am 1. September 1939 begann Deutschland den Angriff auf Polen.

Deutsche Flugzeuge bombardierten Städte.

Panzerverbände durchbrachen Verteidigungslinien.

Infanterie rückte über die Grenze vor.

Die polnische Armee kämpfte, obwohl sie militärisch in einer schwierigen Lage war.

Die Hoffnung bestand darin, dass Frankreich und Großbritannien ihre Kriegserklärungen an Deutschland in einen größeren militärischen Druck verwandeln würden.

Doch Polen musste gleichzeitig mit einer zweiten Gefahr rechnen.

Am 17. September 1939 überschritt die Rote Armee die polnische Ostgrenze.

Die sowjetische Führung erklärte, Polen sei als Staat zusammengebrochen und die Rote Armee müsse die Bevölkerung schützen.

Doch tatsächlich erfüllte Moskau die Vereinbarung mit Berlin.

Polen wurde von zwei Diktaturen angegriffen.

Im Westen die Wehrmacht.

Im Osten die Rote Armee.

Für die polnischen Soldaten wurde die Lage nahezu aussichtslos.

Einige Einheiten kämpften gegen deutsche Truppen.

Andere standen plötzlich sowjetischen Verbänden gegenüber.

Manche wussten nicht einmal, wem sie sich ergeben sollten.

Der polnische Oberbefehlshaber Edward Rydz-Śmigły ordnete schließlich an, dass sich Einheiten nach Möglichkeit in Richtung Ungarn und Rumänien zurückziehen sollten.

Doch viele Soldaten hatten diese Möglichkeit nicht.

Sie wurden gefangen genommen.

Andere wurden verhaftet.

Und zahlreiche Zivilisten gerieten ebenfalls in sowjetische Hände.

In den Wochen nach dem Einmarsch nahm die Sowjetunion schätzungsweise zwischen 240.000 und 250.000 Polen gefangen oder fest.

Unter ihnen befanden sich etwa 10.000 Offiziere.

Doch für die sowjetischen Behörden waren diese Männer keine gewöhnlichen Kriegsgefangenen.

Sie galten als potenzielle Feinde.

Das NKWD, das sowjetische Volkskommissariat für innere Angelegenheiten, übernahm die Kontrolle über viele Gefangene.

Die Organisation war für Geheimdienst, innere Sicherheit und politische Repression zuständig.

Ihre Mitarbeiter verhörten die Gefangenen.

Sie wollten wissen, wer sie waren.

Woher sie stammten.

Welche politischen Ansichten sie hatten.

Mit wem sie Kontakt hatten.

Ob sie Verwandte im Ausland besaßen.

Welche Rolle sie im polnischen Staat gespielt hatten.

Und vor allem:

Ob sie sich möglicherweise einer zukünftigen sowjetischen Kontrolle widersetzen würden.

Drei Lager wurden besonders wichtig.

Kozelsk.

Starobelsk.

Ostaschkow.

Die Namen dieser Lager sollten später in den Erinnerungen polnischer Familien eine ganz andere Bedeutung bekommen.

Kozelsk beherbergte viele Offiziere und Angehörige der polnischen Elite.

Starobelsk wurde ebenfalls zu einem wichtigen Gefangenenlager.

Ostaschkow nahm unter anderem Polizisten, Grenzschutzangehörige und Angehörige anderer uniformierter Dienste auf.

Ende November 1939 befanden sich mehr als 14.000 polnische Gefangene in diesen Lagern.

Die Lebensbedingungen waren hart.

Die Baracken waren überfüllt.

Lebensmittel waren knapp.

Wasser und Hygiene waren unzureichend.

Doch für viele Gefangene war die größte Belastung nicht einmal der Hunger.

Es war die Ungewissheit.

Sie wussten nicht, was mit ihnen geschehen würde.

Sie wussten nicht, ob ihre Familien noch lebten.

Sie wussten nicht, ob Polen jemals wieder frei sein würde.

Und sie wussten nicht, warum die sowjetischen Vernehmer immer wieder dieselben Fragen stellten.

Einige Gefangene versuchten, die Situation optimistisch zu sehen.

Sie glaubten, dass der Krieg irgendwann enden würde.

Sie glaubten, dass Gefangene ausgetauscht werden könnten.

Sie hofften auf eine Rückkehr.

Andere spürten bereits, dass etwas nicht stimmte.

Denn die Verhöre hörten nicht auf.

Das NKWD interessierte sich nicht nur für militärische Informationen.

Es untersuchte die gesamte Persönlichkeit der Gefangenen.

Familien.

Freunde.

Politische Überzeugungen.

Auslandsbeziehungen.

Berufliche Kontakte.

Religiöse Bindungen.

Die sowjetischen Behörden wollten wissen, welche Männer im Falle einer erneuten polnischen Staatsgründung eine Rolle spielen könnten.

Und genau darin lag die Tragödie.

Viele der Gefangenen waren keine gewöhnlichen Soldaten.

Sie waren Menschen, die nach dem Krieg wichtige Funktionen hätten übernehmen können.

Lehrer.

Ärzte.

Ingenieure.

Richter.

Staatsanwälte.

Professoren.

Priester.

Polizisten.

Beamte.

Schriftsteller.

Landbesitzer.

Kommunalpolitiker.

Offiziere.

Menschen mit Ausbildung.

Menschen mit Einfluss.

Menschen, die eine neue polnische Gesellschaft hätten mitgestalten können.

Für Stalin und seine Sicherheitsorgane konnte genau das eine Gefahr darstellen.

Die Sowjetunion wollte die Kontrolle über die eroberten polnischen Gebiete sichern.

Eine polnische Elite, die sich dieser Kontrolle widersetzte, konnte zu einem Problem werden.

Ende 1939 und Anfang 1940 wurden deshalb die Gefangenenakten immer genauer ausgewertet.

Die Entscheidung über ihr Schicksal wurde nicht in den Baracken getroffen.

Sie wurde in Moskau vorbereitet.

Im März 1940 legte NKWD-Chef Lawrenti Beria Stalin ein streng geheimes Memorandum vor.

Darin wurden die polnischen Gefangenen als unverbesserliche Feinde der sowjetischen Ordnung dargestellt.

Beria empfahl, sie zu erschießen.

Nicht vor Gericht.

Nicht nach einem regulären Verfahren.

Sondern ohne öffentliche Verhandlung.

Stalin stimmte zu.

Das Politbüro bestätigte die Entscheidung.

Damit wurde das Schicksal tausender Menschen besiegelt.

Die Unterschriften auf dem Dokument waren keine gewöhnlichen Verwaltungsentscheidungen.

Sie bedeuteten Tod.

Die Gefangenen wussten davon nichts.

In den Lagern ging das Leben zunächst weiter.

Sie warteten.

Sie schrieben Briefe.

Sie diskutierten.

Sie hofften.

Manche führten Tagebücher.

Andere zeichneten Bilder.

Einige hielten sich mit religiösen Gebeten über Wasser.

Viele glaubten weiterhin, dass sie eines Tages nach Hause zurückkehren würden.

Ihre Familien warteten ebenfalls.

Mütter warteten auf Söhne.

Ehefrauen warteten auf Männer.

Kinder warteten auf Väter.

Doch während diese Familien hofften, wurden in Moskau Listen erstellt.

Die Operation sollte möglichst schnell und möglichst geräuschlos durchgeführt werden.

Dafür wurde innerhalb des NKWD eine kleine Gruppe hochrangiger Funktionäre eingesetzt.

Sie musste die Todeslisten erstellen.

Befehle vorbereiten.

Transporte organisieren.

Gefängnisse bereitstellen.

Bewachung sicherstellen.

Und die Leichen verschwinden lassen.

Die Opfer sollten nicht nur getötet werden.

Ihre Existenz sollte möglichst wenig Spuren hinterlassen.

Anfang April 1940 trafen die ersten Befehle in den Lagern ein.

Die Gefangenen wurden einzeln oder in Gruppen aufgerufen.

Man sagte ihnen, sie würden verlegt.

Einige glaubten, dass sie freigelassen würden.

Andere hofften auf einen Austausch.

Niemand erklärte ihnen die Wahrheit.

Dann begann die Abreise.

Ein Gefangener nach dem anderen wurde aus seiner Baracke geholt.

Er nahm vielleicht einen kleinen Koffer mit.

Einige hatten Briefe bei sich.

Andere besaßen nur das, was sie am Körper trugen.

Sie verabschiedeten sich von Kameraden.

Viele sagten:

„Bis bald.“

Niemand wusste, dass dies für zahlreiche Menschen die letzten Worte zu einem anderen Menschen sein würden.

Die Transporte führten in Richtung NKWD-Gefängnisse.

In Kalinin, dem heutigen Twer, wartete ein Mann auf die Gefangenen.

Sein Name war Wassili Blochin.

Blochin war kein gewöhnlicher Gefängnisbeamter.

Er war der Chefhenker des NKWD.

Er hatte bereits tausende Menschen im Auftrag der sowjetischen Führung erschossen.

Für die Durchführung der Katyn-Operation erhielt er eine besondere Aufgabe.

Er sollte die Gefangenen persönlich töten.

Die späteren Aussagen des NKWD-Offiziers Dmitri Tokarew beschrieben Blochins Auftreten.

Kurz vor den Erschießungen zog Blochin besondere Kleidung an.

Eine Lederjacke.

Eine lange Lederschürze.

Handschuhe.

Die Kleidung war praktisch.

Sie sollte ihn vor Blut schützen.

Der Anblick wirkte auf Tokarew erschreckend.

Der Mann sah nicht aus wie ein gewöhnlicher Soldat.

Er sah aus wie jemand, der genau wusste, was er in den kommenden Stunden tun würde.

Blochin arbeitete systematisch.

Die Gefangenen wurden identifiziert.

In einen Raum gebracht.

Dort wurde ihnen aus kurzer Entfernung in den Hinterkopf geschossen.

Der Körper wurde weggetragen.

Der nächste Gefangene wurde hereingeführt.

Dann der nächste.

Und der nächste.

Die Räume wurden gereinigt.

Die Fahrzeuge wurden beladen.

Die Leichen wurden in geschlossenen Lastwagen weggebracht.

Außerhalb der Stadt warteten vorbereitete Gruben.

Dort sollten die Toten verschwinden.

Die Operation war auf Geschwindigkeit ausgelegt.

Blochin soll in einer einzigen Nacht Hunderte Menschen getötet haben.

Nacht für Nacht wiederholte sich der Ablauf.

Menschen kamen lebend in das Gebäude.

Sie kamen nicht wieder heraus.

Ihre Namen wurden aus den Listen gestrichen.

Ihre Leichen verschwanden in Massengräbern.

Die Nachtarbeit hatte einen weiteren Zweck.

Am Morgen sollte das Leben weitergehen.

Die Bevölkerung sollte nichts sehen.

Keine Schüsse.

Keine Leichen.

Keine offenen Gräber.

Keine Zeugen.

Die Maschinen des Staates sollten so funktionieren, dass die Opfer verschwanden, bevor jemand Fragen stellen konnte.

In den Wäldern wurden die Leichen in Schichten abgelegt.

Erde wurde darübergeschüttet.

Der Boden wurde eingeebnet.

Die Verantwortlichen hofften, dass die Landschaft die Wahrheit verschlucken würde.

Doch sie hatten etwas unterschätzt.

Die Erinnerung.

Denn in den Lagern gab es Männer, deren Angehörige nicht aufhörten zu fragen.

Wo ist mein Mann?

Wo ist mein Vater?

Wo ist mein Bruder?

Warum kommt kein Brief?

Warum gibt es keine Nachricht?

Warum antwortet die sowjetische Regierung nicht?

Die Familien wussten noch nicht, was geschehen war.

Aber sie spürten, dass etwas nicht stimmte.

Die letzten Briefe der Gefangenen waren im Frühjahr 1940 geschrieben worden.

Danach brach der Kontakt ab.

Wochen wurden zu Monaten.

Monate wurden zu Jahren.

Und aus Hoffnung wurde Ungewissheit.

Währenddessen waren die Morde längst abgeschlossen.

Mehr als 20.000 polnische Bürger waren getötet worden.

Viele stammten aus den drei großen Lagern.

Andere kamen aus Gefängnissen in Belarus und der Ukraine.

Die Operation war damit größer als nur Katyn.

Katyn wurde später zum Namen für das gesamte Verbrechen.

Doch die tatsächlichen Tatorte lagen an mehreren Orten.

Die Leichen lagen in Wäldern.

Die Familien wussten nichts.

Und die sowjetische Führung schwieg.

Dann geschah etwas, das Stalin nicht kontrollieren konnte.

Am 22. Juni 1941 griff Deutschland die Sowjetunion an.

Der ehemalige Verbündete wurde zum Feind.

Die deutsche Wehrmacht rückte tief in sowjetisches Gebiet vor.

Gebiete, die zuvor unter sowjetischer Kontrolle gestanden hatten, fielen nun in deutsche Hände.

Auch die Region um Smolensk geriet unter deutsche Besatzung.

Damit kam ein Teil der Wahrheit näher an die Oberfläche.

Doch noch wusste niemand, was in Katyn verborgen lag.

Die Deutschen fanden Hinweise auf Massengräber.

Sie begannen zu suchen.

Dann entdeckten sie etwas.

Uniformen.

Dokumente.

Briefe.

Persönliche Gegenstände.

Und schließlich die Körper tausender polnischer Offiziere.

Die Gräber lagen im Wald von Katyn.

Die Leichen waren mit Dingen begraben worden, die auf das Frühjahr 1940 hinwiesen.

Das Datum war entscheidend.

Wenn die Dokumente stimmten, konnten die Männer nicht von den Deutschen getötet worden sein.

Denn im Frühjahr 1940 kontrollierte die Sowjetunion das Gebiet.

Die Entdeckung war explosiv.

Deutschland wollte die Funde propagandistisch nutzen.

Die sowjetische Führung wusste sofort, welche Gefahr darin lag.

Denn die Wahrheit konnte das Verhältnis zwischen Moskau und der polnischen Exilregierung zerstören.

Und genau das geschah.

Im April 1943 wurde die Entdeckung öffentlich bekannt.

Die Welt erfuhr, dass tausende polnische Offiziere in Katyn begraben lagen.

Die polnische Exilregierung in London forderte eine internationale Untersuchung.

Sie wollte wissen, wer für den Tod der Männer verantwortlich war.

Moskau reagierte mit Wut.

Die Sowjetregierung behauptete, die Deutschen hätten die Polen 1941 ermordet.

Die sowjetische Propaganda sprach von einer deutschen Lüge.

Der Konflikt wurde politisch.

Für Stalin war die Wahrheit gefährlich.

Denn Polen sollte nach dem Krieg unter sowjetischem Einfluss stehen.

Eine offizielle Anerkennung der sowjetischen Verantwortung hätte die Beziehungen zu den Polen weiter belastet.

Also begann die Vertuschung.

Und diesmal sollte sie Jahrzehnte dauern.

FORTSETZUNG IN TEIL 2