September 1938, die Tschechoslowakei steht am Abgrund. Hitler droht mit Krieg, falls das Sudetenland nicht an das Deutsche Reich fällt. Die Regierungschefs Großbritanniens, Frankreichs, Italiens und Deutschlands treffen sich Ende September in München – und stimmen der Annexion zu. Die Vertreter der Tschechoslowakei werden nicht einmal eingeladen, als über ihr Land verhandelt wird.

Am 1. Oktober 1938 marschiert Hitler im Sudetenland ein. Weniger als sechs Monate später, am 15. März 1939, besetzen deutsche Truppen Prag.
Aus den tschechischen Gebieten wird das Protektorat Böhmen und Mähren. Während viele Tschechen ungläubig zusehen, jubeln tausende ethnische Deutsche der neuen Ordnung zu. Unter ihnen ist ein Mann, der zu einem der fanatischsten Kollaborateure Prags wird: Josef Pfitzner. Geboren am 24.
März 1901 im schlesischen Dorf Petrowitz, damals Österreich-Ungarn. Sein Vater war Schuhmacher. Nach der Schule studierte Pfitzner Geschichte an der deutschen Universität in Prag. Schon mit 29 Jahren wurde er einer der jüngsten Professoren – ein bemerkenswert schneller Aufstieg.
Mit seiner Frau Elisabeth hat er zwei Söhne. Den älteren, Wolfi, lässt er bei der Großmutter in Südmähren aufwachsen – mit einer klaren Anweisung: Keine Märchen, stattdessen Nazischriften. Pfitzner ist überzeugt, dass man Kindern Überzeugungen früh einprägen muss. Vor Hitlers Machtergreifung gilt Pfitzner nicht als radikal.
Er spricht fließend Tschechisch und besucht Seminare des angesehenen Historikers Josef Pekař. Seine Arbeiten werden in führenden tschechischen Fachzeitschriften besprochen. Sogar Präsident Tomáš Garrigue Masaryk hält ihn für einen Sudetendeutschen, der das Verständnis zwischen Tschechen und Deutschen fördert. Doch ab 1933 ändert sich alles.
Hitler und seine Partei übernehmen die Macht in Deutschland. Das Regime entzieht Juden ihre Bürgerrechte, errichtet die ersten Konzentrationslager. Gleichzeitig erhöht Berlin den Druck auf die Tschechoslowakei und fordert die Eingliederung des Sudetenlandes. Die Sudetendeutsche Partei gewinnt 1935 die Wahlen und wird zur stärksten Kraft innerhalb der deutschen Minderheit.
Pfitzner fühlt sich von ihrem Einfluss angezogen. Er tritt ein. Bald arbeitet er eng mit der Parteiführung zusammen, passt seine Forschung ihren Zielen an. Er gibt die wissenschaftliche Unabhängigkeit auf und verfasst Auftragsarbeiten für die nationalistische Agenda.
Bei Parteiversammlungen tritt er als Redner auf. Der endgültige Bruch mit seinen tschechischen Kollegen kommt, als er private Briefe des verstorbenen Pekař veröffentlicht, um ihn als Sympathisanten nationalistischer und antisemitischer Ideen darzustellen. Viele im akademischen Umfeld sehen darin Verrat. 1938 übernimmt Pfitzner ein öffentliches Amt im Prager Stadtrat.
Europa verändert sich dramatisch. Im März 1938 annektiert Hitler Österreich. Großbritannien und Frankreich greifen nicht ein. Hitler fühlt sich bestärkt.
Im Spätsommer 1938 droht er erneut mit Krieg, diesmal wegen des Sudetenlandes. Das Münchner Abkommen besiegelt die Annexion. Die Tschechoslowakei wird geopfert. Nach dem Einmarsch in Prag steht Pfitzner am 16.
März 1939 auf der Prager Burg, um Hitler zu begrüßen. Er verhält sich nicht wie ein vorsichtiger Verwalter, sondern wie ein überzeugter Radikaler, der die Besatzung als historische Korrektur sieht. Für ihn ist der Fall Prags keine Tragödie, sondern eine Chance, die Stadt nach nationalsozialistischer Ideologie umzugestalten. Kurz darauf wird er Regierungskommissar und stellvertretender Bürgermeister von Prag.
Bürgermeister bleibt formal Otakar Klapka. Doch rechtliche Änderungen ermöglichen es Pfitzner, nahezu jede Entscheidung zu überwachen und mitzuzeichnen. Ab Januar 1940 berichtet er regelmäßig an SS-Gruppenführer Karl Hermann Frank, Staatssekretär im Protektorat. In seinen Berichten präsentiert sich Pfitzner als wachsamer Vertreter deutscher Interessen und beklagt die tschechische Obstruktion.
Seine Radikalität kennt keine Grenzen. Er will nichts Geringeres als die ideologische Eroberung Prags. Die Stadt soll eine dauerhaft deutsche Metropole werden. Pfitzner überwacht Veröffentlichungen, verbietet Werke, die nicht seiner Geschichtsauffassung entsprechen.
Fremdenführer müssen umgeschult werden, damit Besucher die Stadt als deutsche sehen. Denkmäler, die mit tschechischer Identität oder jüdischem Erbe verbunden sind, werden entfernt. Statuen von Rabbinern und Moses verschwinden Anfang 1940 unter seiner Aufsicht. Straßen werden umbenannt, das Stadtwappen geändert – alles, um sichtbare Symbole tschechischer Tradition aus dem öffentlichen Raum zu tilgen.
Das Verhältnis zu Bürgermeister Klapka zerbricht. Klapka versucht, die Germanisierung zu verlangsamen, indem er sich strikt an Verwaltungsverfahren hält. Das ärgert Pfitzner. In seinen Berichten an Frank beschreibt er Klapka als unzuverlässig und gefährlich tschechisch gesinnt.
Im Juli 1940 wird Klapka nach Verhören von Widerstandsgefangenen verhaftet. Später wird er hingerichtet. Pfitzner glaubt, das letzte Hindernis sei beseitigt – die Ernennung zum Bürgermeister ist nur noch Formsache. Doch Berlin entscheidet anders.
Es wird ein anderer Tscheche eingesetzt. Pfitzners Einfluss hat Grenzen. Als Reinhard Heydrich im September 1941 sein Amt als stellvertretender Reichsprotektor antritt, versucht Pfitzner, sich dessen Gunst zu sichern. Er bewundert Heydrichs rücksichtslose Methoden.
Doch Heydrich hält ihn offenbar für intellektuell überheblich und politisch entbehrlich. Propagandaminister Joseph Goebbels denkt noch schlechter über ihn. Er ordnet die Vernichtung eines von Pfitzners historischen Werken an. Auch andere Funktionäre distanzieren sich.
Sie sehen in ihm mehr Ehrgeiz als Substanz. Trotz dieser Geringschätzung aus den höchsten Kreisen sucht Pfitzner weiterhin Anerkennung. Er bemüht sich um eine angesehene akademische Position in Berlin. Am 27.
Mai 1942 wird Heydrich bei einem Attentat verletzt und stirbt am 4. Juni. Pfitzner wittert eine neue Gelegenheit. Er beteiligt sich aktiv an allen Feierlichkeiten zum Tod Heydrichs, schließt sich demonstrativ der öffentlichen Trauer an.
Seine Loyalität gegenüber Hitler bleibt bedingungslos – selbst als diejenigen, deren Anerkennung er sucht, ihn mit Skepsis und Verachtung behandeln. Der Zweite Weltkrieg in Europa endet am 8. Mai 1945. Am selben Tag flieht Pfitzner aus Prag.
Das Regime, dem er fanatisch gedient hat, bricht zusammen. Kurz darauf wird er von amerikanischen Truppen festgenommen. Nach kurzer Internierung wird er an die Tschechoslowakei ausgeliefert, um vor Gericht gestellt zu werden. Während der Verhöre zeigt er sich selbstbewusst und trotzig.
Er behauptet, nur Befehle ausgeführt zu haben – der übliche Satz ehemaliger Nazis. Die Anklage fordert die Todesstrafe. Die Anklageschrift nennt seine führende Rolle in der Sudetendeutschen Partei. Ihm wird Verantwortung für die Abtretung der Grenzgebiete, die Zerstörung von Eigentum der Stadt Prag und die Germanisierung des historischen Zentrums zugeschrieben.
Das Außerordentliche Volksgericht spricht ihn schuldig und verurteilt ihn zum Tod durch den Strang. Josef Pfitzner ist 44 Jahre alt, als er am 6. September 1945 in Prag öffentlich gehängt wird. Bis zu 50.
000 Menschen sehen zu. Zeugen berichten, der Henker habe ihm ins Gesicht geschlagen, weil Pfitzner rief: „Ich sterbe für Großdeutschland. “


