„Hast du dich selbst schon mal gesehen? “, frage ich und zeige auf mein Handy. „Ja, jeden Tag, wir schauen doch jeden Tag in den Spiegel. “ Die andere am Tisch lacht nur.

Wir sitzen auf dem Garagendach, wie fast jeden Abend, weil zu Hause die Eltern sind und wir nicht anders können. „Warum antwortet er nicht? “, frage ich und starre auf den Bildschirm. „Vielleicht ist er im Urlaub?
“, sagt sie. „Oder er hat noch Krankenschein“, füge ich hinzu. „Der hat doch was am Auge gehabt, die Operation“, sagt sie. „Ja, aber das ist schon ewig her, warum immer noch?
“, frage ich. Sie zuckt mit den Schultern. Dann fällt mir etwas ein. „Ich hab ihr geschrieben, dass ich gleich los muss, wir hatten doch gesagt um drei.
“ Sie antwortet: „Mein Vater lässt mich die Dreierreihe aufsagen, ich kann das immer noch nicht. “ Ich schaue die andere an. „Ich könnte nie aufsagen, wie viel 3 mal 7 ist, ich kann mir einfach keine Zahlen merken. “
„Ich vergesse ständig die Namen von Sachen“, sage ich.
„Neulich hat mich Papa angerufen und gefragt, wo ich bin. Ich sag: ‚An dieser Haltestelle, wie heißt das noch mal? Ich kann mich nie an die Namen erinnern. ‘ Er wurde richtig sauer: ‚Du gehst jetzt in die nächste Klasse, bist du dumm?
Du solltest das längst können. ‘“ Die andere lacht. „Ich bin damit auch ein Problem“, sage ich. „Wenn ich etwas zu essen will, sage ich immer: ‚Du weißt schon, dieses Gelbe, diese Süßigkeit.
‘ Und dann meine ich einen Snickers. “
„Mein Handy ist schon wieder langsam“, sage ich und halte es hoch. „Wie alt ist das Ding? “, fragt sie.
„So vier Monate. “ Sie lacht. „Es hängt wie ein Billig-Teil. “
Plötzlich erinnere ich mich an gestern.
„Ich hab mit Werba gesprochen, also mit der Freundin. Ich stand da neben Artjom und dann hab ich sie einfach angeschrien: ‚Hau ab, du nervst mich total. ‘“ Ich schaue sie an. „Ich hab sie richtig zusammengestaucht.
Dann hab ich gesagt: ‚Ruf mich nie wieder an‘ und hab aufgelegt. “ Artjom hat mich angeguckt und gefragt: „Sagst du das deiner Mama? “ Ich hab gesagt: „Nein, meiner Freundin. “ Er meinte nur: „Oh, das ist ja schlimm.
“
Ich seufze. „Meine Oma sollte zu Besuch kommen und ich musste sie unten treffen. Ich zieh mich an und Wikka sagt: ‚Warte, ich komme mit. ‘ Ich sag: ‚Ich warte nicht, sie wartet schon.
‘ Ich steige in den Aufzug, drücke den Knopf, und dann kommt Wikka angerannt und drückt auch auf den Knopf. Der Aufzug quietscht und bleibt stehen. Er funktioniert nicht mehr. “ Ich schüttle den Kopf.
„Ich hab sie angeschrien: ‚Bist du blöd? Hol Mama! ‘ Meine Mutter stand direkt daneben und hat kein Wort gesagt. “
„Sie wissen schon, dass ich fluchen kann“, sage ich.
„Meine Mutter weiß es, aber ich darf es nie vor ihr. Mein Vater würde durchdrehen, wenn er auch nur das Wort ‚Kacke‘ hören würde, geschweige denn mehr. Deshalb sind wir hier auf den Garagen. Zuhause geht das nicht.
“
Wir sind an dem Tag zu dritt losgezogen, um diese Mädchen zu suchen, die wir fragen sollten. Irgendeine Straße, nicht gerade die beste Gegend, aber mit schicken Häusern. Sie haben uns geschrieben: „Wir sind bei Kalina Malina. “ Ich hab gefragt: „Wo zur Hölle ist Kalina Malina?
“ Ich hab die ganze Straße zusammengeflucht, einfach laut. Die Leute haben uns angeschaut. Jemand hat gefragt: „Soll ich dir ein Taxi rufen, Mädchen? “ Ich konnte nicht mehr aufhören zu lachen.
Ich bin hinter ihr hergelaufen und habe nur noch gekichert, ich hatte keine Kraft mehr zum Schreien. Wir sind zwei Tage lang gelaufen, zwanzigtausend Schritte jeden Tag. Meine Beine haben einfach nicht mehr funktioniert. Ich konnte nicht mal mehr richtig schimpfen.
Am Ende haben wir uns gefragt, warum uns niemand helfen wollte. Dann ist es mir aufgegangen: Wir fragen jemanden nach dem Weg, drehen uns um und fluchen sofort weiter. Die Leute haben uns gehört, bevor wir überhaupt angekommen sind. Kein Wunder, dass alle Abstand gehalten haben.
Und dann ist da noch Werba. Die ist wie ein Ferkel. Wenn sie mich nervt, schreie ich sie mit allen Schimpfwörtern der Welt an. Ich weiß nicht, warum sie überhaupt noch mit mir redet.
Sie hat wohl keine Wahl. Wir sitzen noch eine Weile da, bis es dunkel wird. Dann stehe ich auf und sage: „Ich muss nach Hause. “ Ich gehe die Treppe runter und denke über alles nach, was wir heute wieder angestellt haben.
Irgendwie ist es immer dasselbe, aber trotzdem schaffe ich es immer wieder.


