SIE LEBTE IN EINER VILLA NEBEN AUSCHWITZ UND NANNTE ES „DAS PARADIES“ — DIE VERBORGENE GESCHICHTE VON HEDWIG HÖSS

SIE LEBTE IN EINER VILLA NEBEN AUSCHWITZ UND NANNTE ES „DAS PARADIES“ — DIE VERBORGENE GESCHICHTE VON HEDWIG HÖSS

## TEIL 1 — DAS LEBEN IM SCHATTEN VON AUSCHWITZ

Auschwitz.

Ein Name, der bis heute für eines der größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte steht.

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Ein Ort, an dem Millionen Menschen entrechtet, gequält und ermordet wurden.

Doch nur wenige Meter entfernt von den Zäunen dieses Lagers existierte eine Welt, die kaum gegensätzlicher hätte sein können.

Eine geräumige Villa.

Ein gepflegter Garten.

Blumen.

Spielzeug.

Kinder, die auf dem Rasen spielten.

Während hinter den Mauern täglich Menschen starben, führte eine deutsche Familie dort ein scheinbar normales Leben.

Sie frühstückten.

Sie feierten Geburtstage.

Sie gingen spazieren.

Und die Frau, die dieses Haus liebte, beschrieb diesen Ort später als:

„Ein Paradies auf Erden.“

Ihr Name war Hedwig Höss.

Die Ehefrau von Rudolf Höss, dem Kommandanten von Auschwitz.

Eine Frau, die nicht selbst den Befehl über das Lager führte.

Aber eine Frau, die direkt neben der Vernichtungsmaschinerie lebte.

Eine Frau, die wusste, was geschah.

Und die trotzdem an diesem Leben festhielt.

Die Geschichte von Hedwig Höss zeigt eine der verstörendsten Fragen der Geschichte:

Wie kann ein Mensch ein scheinbar normales Familienleben führen, während wenige Meter entfernt unsägliche Verbrechen geschehen?

Wie kann jemand Mutter, Ehefrau und Nachbarin sein und gleichzeitig Teil einer Welt sein, die auf Gewalt und Vernichtung aufgebaut war?

***

Hedwig Hensel wurde am 3. März 1908 in Oberneukirch geboren, damals Teil des Deutschen Kaiserreiches.

Sie wuchs in einer Zeit großer Veränderungen auf.

Nach dem Ersten Weltkrieg lag Deutschland politisch und wirtschaftlich am Boden.

Viele Menschen waren von Unsicherheit, Armut und nationaler Enttäuschung geprägt.

Radikale Bewegungen versprachen Stärke.

Sie sprachen von Wiedergeburt.

Von Einheit.

Von einer neuen Zukunft.

Auch Hedwig wurde von diesen Ideen beeinflusst.

Als junge Frau trat sie dem Artamanenbund bei.

Diese Bewegung verband nationalistische Vorstellungen mit der Idee eines Lebens auf dem Land.

Doch innerhalb dieser Bewegung verbreiteten sich auch rassistische und antisemitische Vorstellungen.

Dort lernte Hedwig einen Mann kennen, der ihr Leben für immer verändern sollte:

Rudolf Höss.

***

Rudolf Höss war damals ein junger Mann mit militärischem Hintergrund.

Diszipliniert.

Ruhig.

Pflichtbewusst.

Im Frühjahr 1929 begegneten sich Hedwig und Rudolf.

Nur wenige Monate später, im August desselben Jahres, heirateten sie.

Gemeinsam bekamen sie fünf Kinder.

Das Paar führte zunächst ein Leben, das nach außen unscheinbar wirkte.

Sie arbeiteten auf einem landwirtschaftlichen Gut nahe Breslau.

Sie träumten davon, irgendwann einen eigenen Bauernhof zu besitzen.

Hedwig wurde als neugierig und gesprächig beschrieben.

Sie wollte wissen, was um sie herum geschah.

Rudolf hingegen wirkte eher zurückhaltend.

Diszipliniert.

Gefühlskontrolliert.

Doch beide teilten eine politische Weltanschauung.

Eine Ideologie, die sie zunehmend enger an den Nationalsozialismus band.

***

Als Adolf Hitler und die NSDAP 1933 in Deutschland an die Macht kamen, begann der Aufbau einer diktatorischen Gesellschaft.

Juden wurden systematisch aus dem öffentlichen Leben ausgeschlossen.

Politische Gegner wurden verfolgt.

Die ersten Konzentrationslager entstanden.

Für Menschen wie Rudolf Höss eröffnete das Regime neue Karrieremöglichkeiten.

Er trat der SS bei.

Eine Organisation, die bald eine zentrale Rolle bei Unterdrückung, Terror und Massenmord spielen sollte.

Hedwig unterstützte seinen Weg.

Sie akzeptierte seine politische Entwicklung.

Sie glaubte an die Ideologie, die ihn immer weiter nach oben brachte.

1935 wurde Rudolf Höss dem Konzentrationslager Dachau zugeteilt.

Hedwig zog mit den Kindern zu ihm.

Später folgte eine weitere Versetzung nach Sachsenhausen bei Berlin.

Für die Familie bedeutete die Karriere des Vaters einen sozialen Aufstieg.

Für unzählige andere Menschen bedeutete dieselbe Organisation Leid und Tod.

***

Am 1. September 1939 begann Nazi-Deutschland den Angriff auf Polen.

Der Zweite Weltkrieg begann.

Nach der Besetzung Polens erhielt Rudolf Höss von der SS einen neuen Auftrag:

Er sollte nahe der Stadt Auschwitz ein neues Konzentrationslager errichten.

Im Mai 1940 zog die Familie Höss dorthin.

Ihr neues Zuhause war eine große Villa direkt neben dem Lager.

Das Grundstück war zuvor einer polnischen Familie enteignet worden.

Die Villa lag nur wenige Meter vom Kommandanturgebäude entfernt.

In Sichtweite des Ortes, an dem Entscheidungen über Leben und Tod getroffen wurden.

Eine Mauer und Bäume sollten verhindern, dass die Kinder die Vorgänge im Lager sehen konnten.

Für Hedwig war es der perfekte Ort.

Sie hatte ein großes Haus.

Einen Garten.

Platz für ihre Kinder.

Eine sichere Umgebung.

Während hinter der Mauer Menschen gefangen gehalten wurden, baute sie sich ein komfortables Familienleben auf.

***

Hedwig kümmerte sich um den Haushalt.

Sie erzog ihre Kinder nach nationalsozialistischen Vorstellungen.

Sie sorgte dafür, dass das Anwesen immer gepflegt war.

Und sie nutzte die Möglichkeiten, die ihr die Stellung ihres Mannes bot.

Die Villa wurde renoviert.

Neue Möbel wurden angeschafft.

Dekorationen wurden hinzugefügt.

Viele dieser Gegenstände stammten aus dem Besitz von Menschen, die nach Auschwitz deportiert worden waren.

Hedwig beschäftigte zahlreiche Menschen:

Gärtner.

Köche.

Näherinnen.

Hausangestellte.

Viele von ihnen waren Häftlinge oder Zwangsarbeiter.

Eine Nähwerkstatt wurde eingerichtet.

Dort fertigten weibliche Gefangene Kleidung für Angehörige von SS-Mitgliedern an.

Währenddessen genoss die Familie Höss ihr Leben.

***

Der Garten der Villa wurde für Hedwig zu einem Symbol ihres Wohlstands.

Sie ließ exotische Pflanzen anbauen.

Ein Gewächshaus errichten.

Einen kleinen Pool bauen.

Die Kinder spielten draußen.

Sie fuhren Fahrrad.

Sie liefen über den Rasen.

Sie spielten im Sandkasten.

Und wenige Meter entfernt arbeiteten die Krematorien von Auschwitz.

Von den Fenstern im oberen Stockwerk konnte Hedwig Teile des Lagerkomplexes sehen.

Die Baracken.

Die Gebäude.

Die Schornsteine.

Sie wusste, wo sie lebte.

Sie wusste, wer ihr Mann war.

Sie wusste, welche Funktion Auschwitz hatte.

Trotzdem bezeichnete sie den Ort später als:

„Paradies auf Erden.“

Sie sagte sogar:

„Ich möchte hier leben, bis ich sterbe.“

***

Nach dem Krieg versuchte ihre Familie, ein anderes Bild von Hedwig zu zeichnen.

Ihre Tochter Brigitte erinnerte sich an sie als liebevolle Mutter.

Als freundliche Frau.

Als jemanden, der sich um ihre Kinder kümmerte.

Brigitte behauptete später, ihre Mutter habe gelegentlich Häftlingen geholfen, die in der Villa arbeiteten.

Einige ehemalige Gefangene sollen sie sogar als „Engel von Auschwitz“ bezeichnet haben.

Doch andere Aussagen zeichneten ein deutlich anderes Bild.

Der polnische Häftling Stanisław Dubiel arbeitete als Gärtner für die Familie Höss.

Er war zuvor innerhalb des Lagers für eine Hinrichtung vorgesehen gewesen.

Nach seiner Aussage wurde sein Leben verschont.

Doch Hedwig machte ihm deutlich, dass diese Hilfe keine Gleichheit bedeutete.

Sie erinnerte ihn daran, dass sein Leben von ihrer Entscheidung abhängig gewesen sei.

Dubiel berichtete außerdem von antisemitischen Äußerungen Hedwigs.

Sie habe erklärt, dass Juden vollständig verschwinden müssten.

Diese Aussagen zeigen eine Frau, die nicht nur von der Ideologie ihres Mannes umgeben war.

Sondern selbst tief in deren Denken verankert war.

***

Während Rudolf Höss an der Spitze von Auschwitz stand, begann die Beziehung des Ehepaares Risse zu bekommen.

Mit der Zeit erfuhr Hedwig mehr über das Ausmaß der Verbrechen.

Die Realität hinter dem Namen Auschwitz wurde immer schwerer zu verdrängen.

Doch sie blieb in der Villa.

Sie blieb in ihrem Leben.

Und während Millionen Menschen starben, hielt sie an ihrem privaten „Paradies“ fest.

Aber der Krieg veränderte alles.

Die Rote Armee rückte näher.

Das Dritte Reich begann zusammenzubrechen.

Ende 1944 musste die Familie Höss die Villa verlassen.

Sie packten ihre Besitztümer.

Kisten voller Gegenstände wurden abtransportiert.

Erinnerungen an Jahre des Luxus direkt neben einem Ort des Massenmordes.

Doch das Ende des Krieges bedeutete nicht das Ende ihrer Geschichte.

Denn nach 1945 würde die Welt erfahren, wer Rudolf Höss war.

Und Hedwig würde vor einer Entscheidung stehen:

Die Wahrheit zu akzeptieren.

Oder weiterhin zu leugnen, was geschehen war.

Während ihr Mann später vor Gericht gestellt wurde, blieb eine Frage offen:

Wie viel wusste Hedwig wirklich?

Und wie viel wollte sie niemals sehen?

**FORTSETZUNG IN TEIL 2**