Jack sägte den letzten Ast ab und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Es war ein warmer Samstagnachmittag, und er hatte sich vorgenommen, die alte Eiche im Vorgarten zu stutzen, bevor Emilia zum Spielen kam. Aus dem Augenwinkel sah er Bewegung am Nachbarhaus. Frau Steinert stand am Zaun, die Arme verschränkt, das Gesicht eine einzige Falte aus Missbilligung.

„Das ist aber ein hässlicher Anblick“, rief sie herüber, die Stimme scharf wie Glas. „Die ganze Straße sieht jetzt aus wie ein Schlachtfeld. Und das nur, weil du wieder mal nicht warten konntest, bis der Baum von alleine wächst. “
Jack legte die Säge nieder und atmete tief durch.
„Er war krank, Frau Steinert. Die Äste waren innen faul. Wenn der Sturm kommt, bricht er ab und fällt vielleicht auf dein Dach. “
„Ach was“, erwiderte sie und winkte ab.
„Du und deine Ausreden. Du willst doch nur, dass alle hier deine Bemühungen sehen. Dass alle denken, wie tüchtig du bist. Aber ich sehe das schon seit Jahren: Du machst alles nur für dich, nicht für uns.
“
Jack sagte nichts mehr. Er bückte sich, hob einen Armvoll Schnittgut auf und trug es zum Haufen. Frau Steinert blieb noch einen Moment stehen, dann drehte sie sich um und ging in ihr Haus, die Tür fiel mit einem lauten Knall ins Schloss. Emilia kam kurz darauf angerannt, die Haare zerzaust, das Gesicht gerötet vom Rennen.
Sie blieb abrupt stehen und starrte auf den kahlen Stamm. „Papa, wo sind die Blätter hin? Wo ist das grüne Blätterdach? “
„Die waren krank, Maus.
Die mussten weg. “
„Aber die Vögel haben da immer gesungen“, sagte sie leise. „Jeden Morgen. Die haben auf den Ästen gesessen.
Wo sollen die jetzt hin? “
Jack kniete sich hin und legte die Hand auf ihre Schulter. „Die finden neue Bäume. Und wir pflanzen im Herbst einen neuen, einen jungen.
Dann hast du bald wieder etwas zum Anschauen. “
Emilia schaute ihn lange an, dann nickte sie langsam. Sie kam näher und drückte ihren Kopf an seine Brust. „Ich wollte nur, dass die Vögel bleiben“, flüsterte sie.
„Ich weiß“, sagte Jack. „Ich auch. “
Die nächsten Tage blieb ein Unbehagen. Frau Steinert sprach nicht mehr mit ihm, aber sie sah ihn jedes Mal an, wenn sie den Briefkasten leerte, mit einem Blick, der alles sagen sollte: Du bist derjenige, der die Straße hässlich macht.
Jack versuchte, es wegzustecken, aber es nagte an ihm. Er hatte den Baum doch nicht gefällt, weil er es schön fand, sondern weil es nötig war. Trotzdem fühlte er sich schuldig, und das ärgerte ihn. Am Dienstagmorgen, als er vor der Arbeit noch eine Tasse Kaffee trank, klingelte sein Telefon.
Es war der Anrufbeantworter von Frau Steinert. Er hörte zweimal hin, um sicherzugehen. Ihre Stimme klang anders, nicht mehr scharf, sondern zittrig. „Herr Petersen, äh, Jack.
Ich wollte sagen – der Sturm in der Nacht. Der hat bei mir einen Ast durch das Dachfenster geschlagen. Ich hatte – ich hatte Sie vorher schief angesehen. Sie hatten recht.
Es tut mir leid, wie ich mit Ihnen gesprochen habe. Wenn Sie Zeit haben, könnte ich vielleicht – könnten wir vielleicht kurz reden? “
Jack spielte mit dem Löffel in seiner Tasse. Er hätte auflegen können, hätte sich sagen können: Sie hat es nicht verdient, dass ich ihr helfe.
Aber er dachte an die Eiche, an den faulen Stamm, an Emilia, die die Vögel vermisste. Dann stellte er die Tasse ab und rief zurück. „Ich bin in einer halben Stunde da. Ich bringe meine Leiter mit.
“
Er verbrachte den Vormittag damit, das Loch im Dach von Frau Steinert provisorisch abzudichten, bis ein Handwerker kommen konnte. Sie stand daneben, die Hände im Schoß, und sagte nicht viel, aber sie reichte ihm die Nägel an, und einmal, als er von der Leiter stieg, legte sie kurz die Hand auf seinen Arm. „Danke“, sagte sie. „Ich schäme mich für das, was ich gesagt habe.
“
Jack nickte und zog die Handschuhe aus. „Wir haben alle schon mal zu schnell geurteilt. Und Sie hatten auch recht mit etwas: Ich wollte, dass es ordentlich aussieht. Aber ich hätte vorher mit Ihnen reden können, statt einfach zu sägen.
“
Frau Steinert lächelte schwach. „Dann sind wir ja beide ein bisschen dumm gewesen. “
Es war das Erste, was sie seit Jahren miteinander redeten, das länger als zwei Sätze dauerte. Jack setzte sich noch für einen Kaffee auf ihre Veranda, und für einen Moment war die Straße still, und es war nicht unangenehm.
Als er nach Hause kam, saß Emilia auf der Treppe und wartete. Sie hielt ein kleines Blatt in der Hand, grün und frisch. „Papa, schau“, sagte sie und hielt es hoch. „Das ist von der neuen Eiche, die du gepflanzt hast.
Ganz unten, da ist ein kleines Blatt gewachsen. Ich hab es gefunden. “
Jack setzte sich neben sie und betrachtete das Blatt. Es war klein, kaum größer als sein Daumennagel, aber es war da.
Er nahm es vorsichtig in die Hand und legte es in ihre offene Handfläche zurück. „Gut aufgehoben“, sagte er. „Das können wir in ein Buch legen. Dann hast du es für immer.
“
Emilia lächelte und steckte das Blatt in ihre Hosentasche. „Und die Vögel? “, fragte sie leise. „Die kommen wieder“, sagte Jack.
„Wenn der neue Baum groß genug ist. Vielleicht schon nächstes Jahr. “
Sie nickte und stand auf. „Ich geh dann schon mal schauen, ob der Baum Wasser braucht.
“
Jack blieb sitzen und sah ihr nach, wie sie den Weg entlanglief und vor dem jungen Baum in die Hocke ging, die Hände auf den zarten Stamm legte, als wollte sie ihm Gesellschaft leisten. Es war nichts Besonderes, kein großes Ereignis. Nur eine Eiche, ein kleines Blatt und ein Kind, das den Boden fand.


