Ich lachte, als mein Schwiegersohn mir den Umschlag reichte. Nicht weil etwas daran komisch gewesen wäre, sondern weil meine Hände in diesem Moment zitterten – vor Schmerz, dem pochenden, stumpfen Schmerz in meinem linken Knie, der mich seit dem Unfall im März nicht mehr losgelassen hatte. Ich saß im Rollstuhl, der Oberschenkel noch in der Schiene, und Torben stand vor mir mit einem Gesicht, das ich nicht deuten konnte. Mitleid vielleicht.

Oder Erleichterung. Der Umschlag trug keinen Absender. Ich öffnete ihn mit dem Brieföffner, den meine Frau mir vor zwanzig Jahren zu Weihnachten geschenkt hatte – silbern, mit meinen Initialen graviert. Ich las die erste Zeile, und etwas in mir wurde ganz still.
Klage auf Unterlassung und Schadensersatz. Belästigung und Nachstellung. Mein Name darunter: Edmund Holler, 67 Jahre alt, Rentner aus Heidelberg. Meine eigene Tochter warf mir vor, sie seit vier Monaten zu verfolgen.
Ich saß in diesem Rollstuhl und konnte seit dem 14. März nicht ohne Hilfe aufstehen. Ich muss von vorne anfangen, damit das alles einen Sinn ergibt. Mein Name ist Edmund Holler.
Ich bin 67, ehemaliger Betriebsleiter bei einem mittelgroßen Maschinenbauunternehmen bei Heidelberg, seit vier Jahren in Rente. Meine Frau Herter ist vor sechs Jahren an Brustkrebs gestorben. Seitdem lebe ich allein in dem Haus, das wir gemeinsam gebaut haben – ein Reihenhaus in Kirchheim, mit einem dreißig Quadratmeter großen Garten und einer Garage, in der noch immer ihre Gartenstühle stehen, weil ich sie nicht wegwerfen kann. Ich habe eine Tochter, sie heißt Marlis.
Sie ist vierzig, Grundschullehrerin, lebt in Freiburg und ist mit einem Mann verheiratet, dem ich von Anfang an nicht getraut habe. Aber das wäre eine andere Geschichte. Mein Schwiegersohn heißt Torben. Er ist achtundvierzig, Versicherungskaufmann, und er hat seit dem Tod meiner Frau immer dann das Gespräch mit mir gesucht, wenn ich allein war.
Das ist mir irgendwann aufgefallen, aber ich habe mir nichts dabei gedacht. Er war freundlich. Immer hilfsbereit. Zu hilfsbereit, wie ich heute weiß.
Im März letzten Jahres bin ich die Kellertreppe hinuntergefallen. Es war morgens um halb sieben. Ich hatte schlechte Augen und vergessen, das Licht anzumachen. Auf der fünften Stufe bin ich ausgerutscht und mit dem linken Bein zuerst unten angekommen.
Unterschenkelbruch. Knieverletzung. Riss des vorderen Kreuzbands. Der Notarzt war in elf Minuten da.
Drei Tage Unfallchirurgie im Universitätsklinikum Heidelberg, dann zwei Wochen Reha-Station, dann vier Monate in eben diesem Rollstuhl in meinem Wohnzimmer – zwischen den Gartenstühlen meiner toten Frau und dem Fernseher, den ich kaum angeschaltet habe. Meine Tochter hat mich in dieser Zeit dreimal besucht. Dreimal in vier Monaten. Das war mir schmerzhafter als das Knie.
Als der Umschlag kam, an einem Dienstag im Juli, zehn Wochen nach meiner Entlassung aus der Reha, leerte Torben gerade meinen Briefkasten. Er hatte einen Schlüssel. Er hatte ihn bekommen, weil Marlis mich gebeten hatte, Torben das Haus aufschließen zu lassen, falls etwas passierte, während ich noch im Rollstuhl saß. Ein Vertrauensbeweis, wie sie es nannte.
Ich hatte nicht Nein gesagt. Torben reichte mir den Umschlag und sagte: „Das hat jemand vom Anwalt für Sie hinterlegt. ”
Ich dachte an mein Testament. Ich dachte an Herter.
Ich dachte an gar nichts Bestimmtes. Dann las ich die erste Zeile, und die Welt wurde für einen Moment sehr leise. Die Klageschrift war achtzehn Seiten lang. Meine Tochter, vertreten durch eine Anwaltskanzlei in Freiburg, warf mir vor, sie zwischen dem 15.
März und dem 12. Juli wiederholt belästigt zu haben – unangekündigte Besuche an ihrer Wohnadresse, Verfolgung beim Einkaufen im Kaufland, wiederholtes Erscheinen vor der Schule, in der sie unterrichtet. Dazu über dreißig Telefonanrufe, die sie als bedrohlich empfunden habe, und mehrere Briefe, die laut ihrer Aussage einschüchternden Charakter gehabt hätten. Die Daten standen alle drin.
Penibel aufgelistet. Erster Vorfall: 22. März. Letzter: 4.
Juli. Ich war am 22. März auf der Reha-Station des Universitätsklinikums Heidelberg. Ich hatte an diesem Tag eine Physiotherapiestunde und danach Besuch vom Sozialdienst, der meine Entlassung vorbereiten sollte.
Ich bin an diesem Tag keine zehn Meter aus dem Bett gestiegen. Am 4. Juli saß ich in meinem Rollstuhl in Kirchheim und hatte Besuch von meinem alten Kollegen Reinhold, der mir eine Flasche Felzer Riesling mitgebracht hatte. Mein erster Gedanke war: Das muss ein Irrtum sein.
Mein zweiter Gedanke: Ich muss meinen Anwalt anrufen. Ich hatte einen Anwalt – Dr. Kreuzer in Heidelberg, den ich noch aus meiner Zeit in der Firma kannte. Ich rief ihn an, und er nahm sofort ab, weil er meinen Namen auf dem Display gesehen hatte.
Ich las ihm die Anschuldigungen vor. Er hörte zu. Dann sagte er nach einer Pause:
„Edmund, das ist eigentlich eine gute Nachricht. ”
„Meine Tochter klagt mich wegen Stalkings an.
Was ist daran eine gute Nachricht? ”
„Weil Sie für jeden dieser Tage ein Alibi haben, das wasserdicht ist. Sie waren im Krankenhaus, Sie waren in der Reha, Sie waren im Rollstuhl in Kirchheim. Das lässt sich alles belegen.
Diese Klage wird nicht standhalten. ”
Ich wollte ihm glauben. Aber auf der letzten Seite der Klageschrift stand etwas, das mich erstarren ließ. Meine Tochter beantragte eine einstweilige Verfügung.
Sie wollte, dass mir per Gericht untersagt wurde, mich ihr zu nähern – ihrer Wohnung, ihrer Schule, ihren Kindern. Meinen Enkeln. Ich habe zwei Enkel. Der ältere heißt Kasimir, er ist acht und hat Herters Augen.
Die jüngere heißt Rosalinde, sie ist fünf und sie nennt mich Opa Edmund, weil sie meinen Namen so schön findet. Ich hatte sie zuletzt an Ostern gesehen. Drei Monate zuvor. Dr.
Kreuzer bat mich, alles zu dokumentieren. Krankenhausunterlagen, Reha-Protokolle, die Pflegeberichte des Sozialdienstes, die Besuchslisten. Ich solle außerdem meine Telefonrechnung der letzten Monate anfordern und jeden Kontakt zu Marlis und Torben schriftlich festhalten. Ich verbrachte den Rest des Tages damit, Ordner aus dem Regal zu ziehen.
Das Knie schmerzte. Einmal stand ich zu schnell auf und musste mich am Türrahmen festhalten. Abends, als ich nicht schlafen konnte, ging ich die Vorwürfe noch einmal durch. Dreißig Anrufe.
Briefe mit einschüchterndem Charakter. Ein Mann, der seiner Tochter vor dem Kaufland aufgelauert hatte. Das war nicht ich. Ich hatte Marlis in diesem Zeitraum vielleicht fünfmal angerufen, meistens kurze Gespräche, weil ich ihr von der Physiotherapie erzählen wollte oder von einem Brief der Krankenkasse, den ich nicht verstand.
Sie war jedes Mal kurz angebunden. Einmal hatte sie aufgelegt, bevor ich fertig geredet hatte. Und Briefe – ich schreibe keine Briefe mehr. Seit Herter nicht mehr da ist, schreibe ich Einkaufszettel und Behördenschreiben.
Sonst nichts. Ich schlief schlecht in dieser Nacht. Nicht wegen des Knies. Die Unterlagen aus dem Universitätsklinikum kamen nach vier Tagen.
Zweihundertdreißig Seiten – jede Visite dokumentiert, jede Physiotherapiestunde, jede Mahlzeit. Ich war am 14. März eingeliefert worden, am 29. März auf die Reha-Station verlegt, entlassen am 3.
Juni. In der gesamten Zeit hatte ich das Gebäude nicht verlassen, außer einmal am 17. April, als ich in einem Transportrollstuhl zum MRT gerollt worden war. Dr.
Kreuzer war zufrieden. Er schickte alles sofort an die Gegenseite. Zwei Tage später rief er mich an. Seine Stimme hatte einen anderen Klang.
„Edmund, ich muss Sie auf etwas vorbereiten. Die Anwältin auf der anderen Seite besteht auf dem Verfahren. Sie sagt, es gibt Fotos. ”
„Fotos?
Was für Fotos? ”
„Jemand, der Ihnen ähnlich sieht – laut ihrer Aussage eindeutig erkennbar als Sie. Vor der Schule in Freiburg am 9. Mai, vor dem Kaufland am 23.
Mai und einmal in der Nähe der Wohnung Ihrer Tochter am 14. Juni. ”
„Am 9. Mai hatte ich Physiotherapie.
Am 14. Juni war ich bei meinem Hausarzt zur Kontrolle. ”
„Ich weiß. Aber die Fotos existieren, und die Gegenseite hat Zeugen.
Zwei Nachbarn, die einen Mann gesehen haben wollen, der auf Sie passt. ”
Ich schwieg eine Weile. „Jemand, der mir ähnlich sieht”, sagte ich dann. „Das müssen wir herausfinden.
”
Die Fotos, die Dr. Kreuzer mir schließlich als Scan schickte, zeigten einen Mann: Ende sechzig, graues, etwas schütteres Haar, Brille mit dunklem Rahmen, ähnlich meiner, dazu eine graue Jacke. Ich besitze eine solche Jacke. Sie hängt seit Jahren im Schrank.
Aber die Haltung des Mannes war seltsam – leicht nach vorne gebeugt. Ich stehe seit dem Unfall gerade, weil der Physiotherapeut es mir eingebläut hat. Dieser Mann stand anders. Ich schickte die Fotos meinem Bruder Norbert, der in Mannheim lebt.
Er ist vier Jahre jünger als ich und hat immer einen klaren Blick gehabt. Er rief mich innerhalb einer Stunde zurück. „Das bist du nicht”, sagte er. „Ich weiß.
Aber es könnte jemand sein, der mich kennt. Die Jacke, die Brille, das Haar. ”
„Ich weiß. ”
Ich saß danach lange am Tisch und schaute auf die Fotos auf meinem Bildschirm.
Herter hatte immer gesagt, ich solle meinem Bauch vertrauen. Mein Bauch sagte mir in diesem Moment etwas, das ich noch nicht aussprechen wollte. Ich rief Dr. Kreuzer an und bat ihn, einen Privatdetektiv einzuschalten.
Der Detektiv, den er mir empfahl, hieß Sigmund Brandes. Anfang sechzig, ehemaliger Kriminalbeamter aus Karlsruhe, mit einem ruhigen, methodischen Auftreten, das mir sofort Vertrauen einflößte. Wir trafen uns in einem Café in der Heidelberger Altstadt, weil ich noch nicht gut Auto fahren konnte und er bereit war, zu mir zu kommen. Ich zeigte ihm alles – die Klageschrift, die Fotos, meine Krankenhausunterlagen, meine Telefonrechnung.
Er schaute sich die Fotos sehr lange an, dann holte er eine Lupe aus seiner Jackentasche. „Die sind inszeniert”, sagte er. „Was meinen Sie? ”
„Die Kameraposition, der Winkel.
Das ist kein Schnappschuss. Jemand hat diesen Mann fotografiert, weil er ihn fotografieren wollte. Das ist Bildmaterial, das man braucht, wenn man jemanden belasten will. ”
Er fragte mich nach meinem Schwiegersohn.
Ich erzählte ihm von Torben, von der Freundlichkeit, die mir immer ein bisschen zu groß gewesen war, von dem Schlüssel, den er noch immer hatte, von dem Gesicht, mit dem er mir den Umschlag gereicht hatte. Sigmund Brandes machte sich Notizen und sagte, er würde sich in drei Tagen melden. In der Zwischenzeit kamen meine Telefonunterlagen von der Telekom. Ich druckte alle achtzig Seiten aus und ging sie am Küchentisch durch, Seite für Seite, mit einem Textmarker in der Hand.
Ich hatte Marlis in dem fraglichen Zeitraum neunzehnmal angerufen – nicht dreißigmal. Und nicht ein einziges Gespräch hatte länger als vier Minuten gedauert. Die Nummern der angeblich bedrohlichen Anrufe, die in der Klageschrift aufgelistet waren, stimmten nicht mit meinen Unterlagen überein. Einige Nummern kamen in meiner Telefonrechnung gar nicht vor.
Jemand hatte mit einer anderen Nummer angerufen und dabei so getan, als wäre es meine. Ich kannte dieses Konzept nicht. Norbert musste es mir erklären – der Jüngere, der mehr von Technik versteht als ich. Er nannte es Rufnummernmissbrauch.
Über bestimmte Internetdienste kann man jeden beliebigen Anruf so erscheinen lassen, als käme er von einer anderen Nummer. Kostet fast nichts, braucht kein technisches Wissen. Ich rief Dr. Kreuzer sofort an.
„Jemand hat meine Rufnummer gefälscht”, sagte ich. Eine kurze Pause. „Das erklärt einiges. Und es macht die Sache juristisch sehr viel interessanter.
Wir können die Verbindungsdaten der Mobilfunkanbieter anfordern. Die Sendemasten lügen nicht. Wenn jemand aus Freiburg angerufen hat, während Sie in Heidelberg im Rollstuhl saßen, lässt sich das beweisen. ”
Drei Tage später meldete sich Sigmund Brandes.
„Ich habe etwas gefunden”, sagte er. „Aber Sie werden das nicht gerne hören. ”
Wir trafen uns wieder in dem Café. Er legte einen Ordner auf den Tisch.
„Ihr Schwiegersohn hat in den letzten zwei Jahren mehrfach Ihren Namen genutzt”, sagte er. „Bei der Anmeldung eines E-Mail-Kontos, das auf Ihren Namen läuft. Für die Bestellung von Briefpapier – tatsächlichem Briefpapier mit Ihrem Namen und Ihrer Adresse als Absender. ”
Mir wurde kalt.
Die Briefe, die meine Tochter bekommen haben soll, wurden wahrscheinlich von dieser Adresse aus verschickt. „Das ist noch nicht bewiesen”, fügte er hinzu, „aber die Staatsanwaltschaft kann das prüfen. ”
Ich saß eine Weile still. Der Kaffee vor mir wurde kalt.
„Warum? “, fragte ich schließlich. Sigmund Brandes lehnte sich zurück. „Ich habe in seiner Vergangenheit recherchiert.
Ihr Schwiegersohn hatte vor der Ehe mit Ihrer Tochter eine andere Beziehung, vier Jahre lang. Die Frau hat ihn verlassen. Ein Jahr später hatte ihr geschiedener Ex-Mann eine Klage am Hals – wegen Belästigung und Sachbeschädigung. Der Mann hat alles abgestritten, konnte aber kein lückenloses Alibi nachweisen.
Er hat in einem Vergleich gezahlt. ”
Ich verstand. „Er hat das schon einmal gemacht. Es sieht danach aus, dass er jemanden aus dem Leben seiner Partnerin drängt, indem er ihn zum Täter macht.
Der geschiedene Ex von damals war der Vater der Frau. ”
Die Stille, die darauf folgte, war sehr lang. „Er will mich aus Marlis’ Leben löschen”, sagte ich. „Und er wollte, dass es endgültig passiert.
Mit einem Gerichtsbeschluss. Mit einer einstweiligen Verfügung, die mir verbietet, mich meinen Enkeln zu nähern. ”
Ich dachte an Kasimir und seine Augen. An Rosalinde, die meinen Namen so schön findet.
„Was jetzt? “, fragte ich. „Jetzt brauchen wir einen Plan. ”
Dr.
Kreuzer legte unsere Gegendarstellung vor – die vollständigen Krankenhausunterlagen, die Reha-Protokolle, die Besuchslisten, die Telefonrechnung mit den Diskrepanzen, die Anforderung der Mobilfunkdaten. Gleichzeitig stellte Sigmund Brandes über seinen Kontakt zur Staatsanwaltschaft Karlsruhe eine Anfrage wegen des alten Falles in Thüringen, denn dort hatte Torben früher gelebt, bevor er nach Freiburg gezogen war. Die Anwältin der Gegenseite, Frau Dr. Lisner, bestand weiter auf dem Termin.
Aber etwas in ihrer Schärfe hatte nachgelassen, als Dr. Kreuzer die Unterlagen geschickt hatte. Wir trafen uns im Oktober in Freiburg. Ich fuhr mit der Bahn, weil mein Knie noch nicht für lange Fahrten geeignet war.
Norbert begleitete mich. Der Konferenzraum der Kanzlei lag im dritten Stock eines gläsernen Bürogebäudes nahe dem Bahnhof. Frau Dr. Lisner saß auf einer Seite, neben ihr Marlis – meine Tochter, die ich seit fünf Monaten nicht persönlich gesehen hatte.
Sie wirkte kleiner, als ich sie in Erinnerung hatte. Sie sah mich nicht an. Neben ihr saß Torben. Ich kannte sein Gesicht.
Ich kannte sein Lächeln, das er aufgesetzt hatte wie eine Maske. Ich hatte dieses Lächeln jahrelang als Höflichkeit interpretiert. Jetzt sah ich es anders. Dr.
Kreuzer legte die Unterlagen vor. Ruhig, methodisch, ohne Dramatik. Krankenhausaufnahme 14. März, Reha-Entlassung 3.
Juni, Physiotherapieprotokolle, Besuchszeiten, Telefonrechnung, die Anforderung der Mobilfunkdaten, die zeigen würde, dass die fraglichen Anrufe nicht aus Heidelberg kamen, sondern aus dem Großraum Freiburg – während ich in meinem Rollstuhl saß. Dann legte er das zweite Konvolut vor: die E-Mail-Adresse auf meinen Namen, das Briefpapier, und aus Thüringen einen Bericht über den Vorfall von vor neun Jahren, der nie zu einer Verurteilung geführt hatte, aber in den Akten stand. Frau Dr. Lisner sagte lange nichts.
Marlis, die bis dahin auf die Tischplatte geschaut hatte, hob jetzt den Blick. Sie sah Torben an. Er hielt ihren Blick nicht stand. „Was ist das?
“, fragte sie leise. „Das ist aus dem Zusammenhang gerissen”, sagte Torben. „Torben”, sagte Marlis, und ihre Stimme war sehr ruhig, „das ist doch die E-Mail-Adresse mit Papas Namen. Hast du mir davon erzählt?
”
Er schwieg. Ich sagte nichts. Dr. Kreuzer auch nicht.
Norbert, der neben mir saß, legte kurz seine Hand auf meinen Arm. Frau Dr. Lisner bat um eine Unterbrechung. Sie dauerte zwanzig Minuten.
Als wir zurückkamen, saßen Marlis und Torben nicht mehr nebeneinander. Was in den nächsten Wochen folgte, werde ich nicht in allen Einzelheiten erzählen, weil ein Teil davon meine Tochter betrifft und nicht für die Öffentlichkeit bestimmt ist. Was ich sagen kann: Die Klage wurde zurückgezogen. Die Staatsanwaltschaft leitete ein Ermittlungsverfahren gegen Torben ein – wegen Rufnummernmissbrauchs, Identitätsmissbrauchs und versuchter falscher Verdächtigung.
Die Mobilfunkdaten bestätigten, was Dr. Kreuzer vermutet hatte: Jeder der angeblichen Anrufe war aus dem Netz Freiburg-Mitte herausgegangen, an Tagen, an denen ich nachweislich in Heidelberg gewesen war. Das Briefpapier hatte Torben über einen Onlinedruckservice bestellt; die Bestellung lief auf eine Kreditkarte, die er auf seinen Namen angemeldet hatte. Die Staatsanwaltschaft in Thüringen bestätigte den alten Vorfall.
Auch dort hatte ein Vater für etwas gezahlt, das er nicht getan hatte. Marlis hat sich getrennt. Sie lebt jetzt bei einer Freundin in Freiburg, bis sie eine eigene Wohnung gefunden hat. Wir telefonieren jetzt wieder.
Manchmal längere Gespräche, manchmal schweigen wir einfach eine Weile, weil wir nicht wissen, wie wir das alles in Worte fassen sollen. Das ist in Ordnung. Wir haben Zeit. Kasimir und Rosalinde habe ich im November besucht.
Rosalinde hat mich am Türrahmen empfangen und sofort gerufen: „Opa Edmund ist da! ” Als wäre nichts gewesen. Als wäre kein halbes Jahr vergangen. Kinder rechnen nicht in Monaten.
Ich habe in dieser Zeit viel gelernt. Ich bin siebenundsechzig Jahre alt, war Betriebsleiter, habe Verträge gemacht und Mitarbeiter geführt und Krisen überbrückt. Und ich hatte keine Ahnung, dass jemand meinen Namen benutzen kann, ohne meinen Finger, ohne meinen Stift, ohne mein Wissen. Dass ein Anruf aussehen kann, als käme er von mir, während ich in einem Rollstuhl in Kirchheim sitze und meinen Riesling trinke.
Dass Briefe mit meinem Namen im Absender in einem Briefkasten landen können, in den ich nie etwas eingeworfen habe. Das ist das Erschreckende an dieser Zeit. Es ist erschreckend leicht. Aber hier ist das andere, was ich gelernt habe, und das ist wichtiger: Dasselbe, was sich gegen mich verwenden ließ, hat mich am Ende gerettet.
Die Protokolle des Krankenhauses, die Dokumentation der Reha, die Verbindungsdaten des Mobilfunks – die digitale Spur, die Torben selbst gelegt hatte, als er das Briefpapier bestellte, die E-Mail-Adresse einrichtete, die Anrufe aus Freiburg tätigte. Jede Lüge hatte ein Datum. Jede Lüge hatte eine Uhrzeit. Und Uhrzeiten lügen nicht.
Dr. Kreuzer hat mir am Ende des Verfahrens etwas gesagt, das ich nicht vergessen werde: „Edmund, Sie haben sich nicht aufgeregt. Sie haben dokumentiert. Das ist der Unterschied.
”
Ich habe mir das notiert. Nicht weil ich es vergessen wollte, sondern weil ich es meiner Tochter weitergeben wollte, wenn die Zeit dafür kommt. Torben hat die einstweilige Verfügung bekommen – aber gegen sich, nicht gegen mich. Er darf sich Marlis nicht nähern, nicht der Schule, nicht den Kindern.
Das Strafverfahren läuft noch. Sein Verteidiger wird voraussichtlich auf eine Einstellung gegen Geldauflage drängen, sagt Dr. Kreuzer. Ob das gelingt, weiß ich nicht.
Ich habe aufgehört, meine Energie darauf zu verwenden, was mit ihm passiert. Ich verwende meine Energie jetzt anders. Ich gehe wieder spazieren, dreißig Minuten am Tag, mit dem Stock auf dem flachen Weg am Neckar. Ich habe mir vorgenommen, bis zum Frühjahr ohne Stock auszukommen.
Der Physiotherapeut sagt, das ist realistisch. Letzte Woche hat Rosalinde mich am Telefon gefragt, ob ich Weihnachten zu ihnen komme. Ich habe Ja gesagt. Es gibt Dinge, die ein Rollstuhl aufhalten kann.
Einen Gerichtsbeschluss. Die Zeit mit den Enkeln. Den Atem, den man unter einer falschen Anschuldigung anhalten muss. Aber es gibt etwas, das er nicht aufhalten kann.
Die Wahrheit. Sie braucht manchmal länger, als man erträgt. Sie braucht Unterlagen und Anwälte und Männer mit Lupen und Geduld – mehr Geduld, als man für gerecht hält.
Aber am Ende hat sie ein Gewicht, das alle Lügen zusammen nicht aufwiegen können.


