Ich habe 45 Jahre lang alles für meine Tochter geopfert – jede Ersparnis, jeden Traum, mein ganzes Leben. Vergangenen Sonntag stand sie in meinem Wohnzimmer und sagte mit einem Lächeln: „Das…

Ich habe 45 Jahre lang alles für meine Tochter geopfert – jede Ersparnis, jeden Traum, mein ganzes Leben. Vergangenen Sonntag stand sie in meinem Wohnzimmer und sagte mit einem Lächeln: „Das...

Eisige Stille breitete sich in meinem Wohnzimmer aus, als meine eigene Tochter mir mit einem Lächeln den Tod wünschte. „Das schönste Geschenk, das du uns allen machen könntest, wäre, wenn du für immer gehst”, sagte sie, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt. Mein Enkel Julian riss die Augen auf. Mein Schwiegersohn senkte den Blick.

Thumbnail

Und ich? Ich stand da und spürte, wie etwas in mir endgültig zerbrach. Ich bin Georg Steinbach, 74 Jahre alt, pensionierter Major der Bundeswehr. Vier Jahre ist es her, dass ich meine Frau Elisabeth an den Krebs verlor.

Seitdem lebe ich allein in unserem Familienhaus in Lüneburg, dem Haus, das ich vor 35 Jahren selbst fertiggestellt habe. 420. 000 Euro ist es heute wert. Aber das war nie der Punkt.

Mein ganzes Leben habe ich geschuftet. Mit 18 ging ich zur Bundeswehr, diente 32 Jahre und arbeitete mich vom einfachen Soldaten zum Major hoch. Parallel dazu machte ich eine Ausbildung zum Elektriker, besuchte abends Weiterbildungen. Nach der Bundeswehr arbeitete ich noch 13 Jahre als Sicherheitschef in einem Industrieunternehmen.

Nie arbeitslos, nie krankgeschrieben, nie einen Cent vom Staat genommen, den ich nicht verdient hatte. Elisabeth und ich lebten bescheiden. Unser einziger Luxus war ein zweiwöchiger Urlaub an der Ostsee, jedes Jahr derselbe Campingplatz. Neue Möbel gab es nur, wenn die alten völlig kaputt waren.

Mein Auto fuhr ich mindestens zehn Jahre, bis der TÜV sagte: „Herr Steinbach, das war’s. ”

Aber alles, was wir sparten, investierten wir in unsere Tochter Angelika. Private Grundschule, 800 Euro im Monat, weil die staatliche Schule in unserem Viertel nicht gut genug war. Gymnasium mit Französisch und Latein, dazu 200 Euro monatlich für Nachhilfe.

Klavierunterricht, Reitstunden, Tennisclub. Sie sollte alles haben, was andere Kinder hatten, und mehr. Als Angelika 16 wurde, wollte sie unbedingt ein eigenes Auto. „Alle meine Freundinnen haben eins, Papa.

” Ich kaufte ihr einen gebrauchten BMW für 15. 000 Euro. Als sie mit 18 den Führerschein machte, zahlte ich 2. 000 Euro für die Fahrschule.

Als sie nach dem Abitur studieren wollte, sagte ich: „Such dir aus, was du möchtest. Geld spielt keine Rolle. ”

Sie studierte sechs Jahre Betriebswirtschaft in München. Sechs Jahre, in denen ich monatlich 1.

200 Euro Unterhalt überwies, plus Studiengebühren, plus Kaution für ihre Wohnung, plus Einrichtung, plus ein neues Auto, als das alte in München kaputtging. Als sie endlich fertig war – mit mittelmäßigen Noten – fand sie nicht sofort einen Job. „Der Markt ist schwierig, Papa. Ich brauche noch ein bisschen Zeit.

Aus ein bisschen Zeit wurden acht Monate, in denen ich weiterzahlte. 1. 200 Euro im Monat für eine erwachsene Frau, die ihre Tage mit Netflix und Freunden verbrachte. Dann lernte sie Torsten kennen.

„Ein netter Kerl”, dachte ich zuerst. Bankkaufmann, solider Beruf, höflich. Sie verliebten sich, zogen zusammen, heirateten zwei Jahre später. Natürlich zahlte ich die Hochzeit: 18.

000 Euro. „Nur einmal im Leben, Papa. ”

Als sie mir mitteilte, dass sie schwanger war, freute ich mich ehrlich. Endlich ein Enkelkind.

Elisabeth hatte davon geträumt, Großmutter zu werden, aber sie starb drei Monate bevor Julian geboren wurde. Wenigstens konnte ich ihr vor ihrem Tod erzählen, dass sie Oma werden würde. Es war eines der letzten Male, dass ich sie lächeln sah. Julian ist heute 12 Jahre alt, ein kluger, aufgeweckter Junge.

Ich liebe ihn über alles. Aber seine Mutter? Seine Mutter hat sich in ein Monster verwandelt, das ich nicht mehr erkenne. Es begann schleichend.

Erst kleine Bemerkungen: „Papa, du könntest ruhig mal wieder was für Julian kaufen. ” Dann direkte Forderungen: „Die Waschmaschine ist kaputt. Kannst du uns aushelfen? ” Dann Erwartungen: „Julians Klassenfahrt kostet 400 Euro.

Du überweist das, oder? ” Nie ein Bitte. Nie ein Danke. Nur Forderungen, als wäre ich eine Sparkasse mit Beinen.

Nach Elisabeths Tod wurde es noch schlimmer. Angelika begann offen zu rechnen. „Papa, hast du eigentlich schon ein Testament gemacht? Man weiß ja nie.

” Oder: „Wie viel ist das Haus eigentlich wert? Rein interessehalber. ”

Ich besitze neben dem Haus noch 430. 000 Euro auf verschiedenen Konten und Anlagen.

Geld, das Elisabeth und ich 45 Jahre lang zusammengespart hatten. Geld für unseren Lebensabend, das nach unserem Tod an Angelika und Julian gehen sollte. Die genaue Summe erzählte ich niemandem, aber Angelika wusste, dass da einiges zusammengekommen war. Die Besuche wurden seltener, aber die Anrufe häufiger.

Immer ging es um Geld. Julians Nachhilfe, ein neuer Computer, die Autoreparatur, die Nebenkostenabrechnung – alles wurde zu meinem Problem. Und wenn ich einmal zögerte oder nachfragte, wofür genau das Geld war, kam der Standardsatz: „Papa, du bist doch reich. Für dich ist das doch Kleingeld.

Reich? Ich lebe von 1. 890 Euro Rente im Monat in einem Haus, das zwar abbezahlt ist, aber jeden Monat 400 Euro Nebenkosten verschlingt. Ich fahre einen 12 Jahre alten Opel, kaufe beim Discounter ein, und mein letzter Urlaub liegt vier Jahre zurück – es war Elisabeths letzter Krankenhausaufenthalt in der Spezialklinik.

Aber das interessierte Angelika nicht. Für sie war ich nur noch der Alte mit dem Geld, der gefälligst zu zahlen hatte und ansonsten nicht zu stören. Letzten Monat dann das Gespräch, das alles veränderte. Torsten hatte seinen Job verloren – eigene Schuld, wie ich später erfuhr, zu oft zu spät gekommen, zu oft schlampig gearbeitet.

Angelika rief an: „Papa, wir brauchen 3. 000 Euro. Sofort. ”

„Wofür denn?

„Miete, Nebenkosten, Julians Schulgeld. Torsten sucht einen neuen Job, aber das dauert. ”

„Und was ist mit deinem Job? ”

Stille.

Dann: „Ich habe gekündigt. ”

„Gekündigt? Warum? ”

„Der Stress war zu viel.

Und außerdem braucht Julian mich zu Hause. ”

Julian war zwölf. Er brauchte niemanden zu Hause, aber seine Mutter brauchte offensichtlich eine Ausrede, nicht arbeiten zu müssen. Ich sagte ihr, dass 3.

000 Euro eine Menge Geld seien und ich erst einmal wissen müsse, wie ihre langfristigen Pläne aussähen. „Ihr könnt nicht einfach beide aufhören zu arbeiten und erwarten, dass ich alles finanziere. ”

Das Telefonat endete damit, dass Angelika schrie: „Du bist so egoistisch. Mama hätte das verstanden.

” Dann legte sie auf. Drei Wochen lang hörte ich nichts. Keine Anrufe, keine Nachrichten, keine Besuche, als ob ich gestorben wäre. Bis letzten Sonntag.

Es war der dritte Advent. Ich saß allein in meinem Wohnzimmer, hörte Weihnachtsmusik und dachte an Elisabeth, wie wir früher zusammen den Baum geschmückt hatten. Dann klingelte es. Vor der Tür stand Angelika – nicht allein, mit Torsten und Julian.

Mein Herz machte einen Sprung. Vielleicht wollte sie sich entschuldigen. Vielleicht hatten sie gemerkt, wie verletzend ihr Verhalten war. „Hallo Papa”, sagte sie kühl.

„Wir müssen reden. ”

Sie kamen herein, setzten sich ins Wohnzimmer. Julian umarmte mich kurz, aber ich merkte, dass er angespannt war, als ob man ihm gesagt hätte, er solle sich benehmen. Angelika begann ohne Umschweife: „Torsten und ich haben beschlossen, wir ziehen hier ein.

„Hier ein? In dein Haus? ”

„Es ist groß genug für uns alle. Julian kann sein eigenes Zimmer haben.

Torsten kann das Arbeitszimmer als Büro nutzen. Und du – du brauchst doch sowieso nicht mehr so viel Platz. ”

„Das ist mein Haus. ”

„Natürlich.

Aber wir sind Familie. Und Familie hilft sich. ”

Torsten nickte eifrig: „Wir könnten uns um dich kümmern, Georg. Du wirst ja auch nicht jünger.

Kümmern. Diese Menschen, die mich seit Monaten nur anriefen, wenn sie Geld wollten, wollten sich um mich kümmern. „Und wenn ich nein sage? ”

Angelika zuckte mit den Schultern: „Dann müssen wir wohl oder übel das Haus verkaufen, um unsere Schulden zu begleichen.

Wäre schade drum. ”

„Welche Schulden? ”

Torsten räusperte sich: „Nun ja, die Kreditkarten sind etwas überzogen, und die Bank hat wegen der Hausrate schon gemahnt. ”

„Wie viel?

„45. 000 Euro. ”

Mir wurde schwindelig. 45.

000 Euro – wofür? „Ach, das eine und andere. Ein neues Auto, der Urlaub auf Mallorca, die neue Kücheneinrichtung. ” Angelika winkte ab, als wäre es völlig normal, sich so zu verschulden.

Ich stand auf, ging zum Fenster, atmete tief durch. Diese Menschen – meine Tochter, mein Schwiegersohn – hatten 45. 000 Euro für Luxus ausgegeben, den sie sich nicht leisten konnten. Und jetzt standen sie in meinem Wohnzimmer und erwarteten, dass ich sie rettete.

Wieder einmal. „Und wenn ich die Schulden bezahle”, sagte Angelika, „dann können wir hier einziehen und neu anfangen als Familie. ”

Als Familie. Das Wort kam mir bitter über die Lippen.

„Und wo soll ich wohnen? ”

Angelika lächelte kalt: „Du kannst gern hier bleiben. Aber natürlich müssten wir uns das Haus teilen und gewisse Regeln aufstellen. ”

„Was für Regeln?

„Nun ja, keine Besucher ohne Absprache, keine laute Musik nach 20 Uhr, kein Fernsehen in der Küche, wenn wir essen wollen. Und natürlich würdest du dich an den Haushaltskosten beteiligen. ”

Ich drehte mich um und sah in drei Gesichter. Thorsten schaute verlegen auf den Boden.

Julian sah aus, als würde er sich schämen. Aber Angelika? Angelika sah mich an wie einen lästigen alten Mann, den man nur noch duldet. „Und wenn ich nein sage?

Jetzt kam der Moment, der alles veränderte. Angelika stand auf, kam zu mir, legte ihre Hand auf meine Schulter – nicht liebevoll, sondern besitzergreifend – und sagte mit einem Lächeln, das mir das Blut in den Adern gefrieren ließ:

„Ach, Papa, seien wir doch ehrlich. Das schönste Geschenk, das du uns allen machen könntest, wäre, wenn du für immer gehst. Dann könnten wir endlich in Frieden leben.

Und Julian müsste sich nicht mehr schämen für seinen griesgrämigen Großvater. ”

Die Welt blieb stehen. Julian riss die Augen auf, schaute zwischen seiner Mutter und mir hin und her. Thorsten murmelte: „Angelika, das war jetzt…

” Aber sie unterbrach ihn: „Was denn? Es ist doch die Wahrheit. Papa hängt sowieso nur noch rum, ist schlecht gelaunt, geizt mit seinem Geld. Wir alle wären glücklicher, wenn er – na ja, ihr wisst schon.

In diesem Moment starb etwas in mir. Nicht mein Körper – meine Seele. Das kleine Mädchen, das einmal auf meinen Schultern geritten war, das ich tausendmal in den Arm genommen hatte, wenn es Albträume hatte, das „Papa ist der Beste! ” gerufen hatte, wenn ich es vom Kindergarten abholte.

Dieses Mädchen war verschwunden. Vor mir stand eine fremde Frau, die mir den Tod wünschte. Ich nickte langsam. „Ich verstehe.

Angelika strahlte: „Super, dann können wir ja morgen anfangen, die Sachen zu regeln. Torsten hat schon einen Termin bei der Bank gemacht. ”

„Nein”, sagte ich ruhig. „Das werdet ihr nicht.

„Wie bitte? ”

„Ich sagte, das werdet ihr nicht. Ihr werdet nicht hier einziehen. Ich werde eure Schulden nicht bezahlen.

Und ihr werdet nie wieder einen Cent von mir sehen. ”

Angelika lachte – ein kaltes, spöttisches Lachen: „Papa, sei nicht albern. Du bist alt. Du brauchst uns.

Und das Geld bekommen wir sowieso, wenn du stirbst. ”

„Werden wir sehen”, sagte ich und ging zur Haustür. Aber ich wusste bereits genau, was ich tun würde. Und am nächsten Morgen tat ich es.

Ich wachte um sechs Uhr auf. Angelikas Worte hallten in meinem Kopf nach: „Das schönste Geschenk wäre, wenn du für immer gehst. ” Ich machte Kaffee und setzte mich an den Küchentisch – denselben Tisch, an dem aus einem süßen kleinen Mädchen eine gierige Frau geworden war, die ihrem eigenen Vater den Tod wünschte. Um acht Uhr morgens rief ich meinen Anwalt an.

Dr. Weber, ein alter Freund aus meiner Zeit bei der Bundeswehr. „Hartmut”, sagte ich, „ich brauche deine Hilfe. Ich muss mein Testament ändern.

Komplett. ”

Eine halbe Stunde später saß ich in seinem Büro und erzählte ihm alles. Wie meine Tochter mich jahrelang wie einen Sklaven ausgebeutet hatte. Wie sie mein Geld verschleuderte.

Von Angelikas Besuch gestern und ihren unglaublichen Worten. Hartmut hörte mir aufmerksam zu, ohne mich zu unterbrechen. Als ich fertig war, schüttelte er den Kopf: „Georg, es tut mir wirklich leid. Aber rechtlich gesehen ist die Situation ganz klar.

Sie können Ihre Tochter enterben. Sie müssen ihr nur den Pflichtteil zukommen lassen. Bei Ihrem Vermögen sind das etwa 180. 000 Euro.

„Nein”, sagte ich entschlossen. „Sie soll keinen Cent bekommen. Gar nichts. ”

Hartmut runzelte die Stirn: „Das ist schwierig, Georg.

Eine vollständige Enterbung ohne Pflichtteil ist nur in Extremfällen möglich. ”

„Was sind denn Extremfälle? ”

„Schwere Beleidigung, Androhung von Gewalt, versuchter Mord – solche unmenschlichen Situationen. ”

„Hat sie dich bedroht?

Ich dachte nach. „Sie hat gesagt, das schönste Geschenk wäre, wenn ich für immer gehe. Das ist doch eine Todesdrohung, oder? ”

Hartmut nickte langsam: „Das könnte reichen.

Vor allem, wenn wir Zeugen haben. Julian war dabei. Und Thorsten. ”

„Perfekt.

Dann machen wir das so. Vollständige Enterbung wegen schwerer Beleidigung und versteckter Todesdrohung. Das Erbe geht an Julian – aber erst, wenn er 25 wird. Und nur dann, wenn er bis dahin keinen Kontakt zu seiner Mutter hat.

Und wenn er doch Kontakt hat, dann geht alles an wohltätige Zwecke. ”

Zwei Stunden später war alles erledigt. Testament geändert, notariell beglaubigt, hinterlegt. Angelika würde nichts erben.

Absolut nichts. Aber das war erst der Anfang. Als nächstes fuhr ich zur Bank. „Ich möchte alle meine Konten kündigen”, sagte ich zu meinem Berater.

„Ich wechsle zu einer anderen Bank. ” 430. 000 Euro wanderten von der Sparkasse Lüneburg zur Deutschen Bank Hamburg. Ein Konto, von dem Angelika nichts wissen würde.

Dann fuhr ich nach Hause und rief Julian an. Mein Enkel ging sofort ran: „Opa, schön, dass du anrufst. Mir tut das von gestern so leid. ”

„Du musst dich nicht entschuldigen, Julian.

Du kannst nichts dafür, wie deine Mutter sich benommen hat. ”

„Aber sie hat so schlimme Sachen gesagt. ”

„Das stimmt. Und deshalb möchte ich mit dir unter vier Augen sprechen, ohne deine Eltern.

Könntest du morgen nach der Schule zu mir kommen? ”

„Klar, Opa. Aber wird Mama nicht sauer? ”

„Das ist mein Problem, nicht deins.

Kommst du? ”

„Ja, ich komme. ”

Am nächsten Tag kam Julian nach der Schule zu mir. Wir setzten uns ins Wohnzimmer.

Ich machte ihm einen Kakao. „Julian”, begann ich, „ich habe beschlossen, deine Mutter zu enterben. ”

Er wurde blass. „Wegen dem, was sie gesagt hat.

Das war der letzte Tropfen. Aber dir zuliebe gebe ich ihr eine Chance. Sie soll sich entschuldigen und einen Job suchen. Das sage ich ihr.

„Sie wird sich bestimmt entschuldigen. ”

„Falls sie es nicht tut, wirst du mein Alleinerbe. Aber nur unter einer Bedingung: Du darfst bis zu deinem 25. Geburtstag keinen Kontakt zu deiner Mutter haben.

Julian schluckte: „Aber sie ist meine Mama. ”

„Ja. Und ich bin ihr Vater. Trotzdem wünscht sie mir den Tod.

Ich ging zum Fenster. „Die Entscheidung liegt bei dir. ”

Mein Enkel schwieg lange. Dann sagte er: „Opa.

Mama ist nicht mehr wie früher. Sie schreit nur rum. Ist immer schlecht gelaunt. Manchmal schäme ich mich für sie.

Wo soll ich wohnen, wenn ich mich für das Erbe entscheide? ”

„Bei meinem Bruder Klaus in München. Du könntest dort studieren, ein normales Leben führen. ”

Julian ging an diesem Nachmittag sehr nachdenklich nach Hause.

Ich wusste, dass er schwere Entscheidungen zu treffen hatte. Aber ich wusste auch, dass er klug genug war, die richtige zu treffen. Drei Tage später klingelte das Telefon. Angelika.

„Papa. Julian hat mir erzählt, was du vorhast. Das ist völlig verrückt. ”

„Findest du?

„Du kannst mich nicht enterben. Ich bin deine Tochter. ”

„Du warst meine Tochter – bis du mir den Tod gewünscht hast. ”

Stille.

Dann: „Das war doch nur… Ich war aufgeregt. Das habe ich nicht so gemeint. ”

„Ach nein.

Und was hast du gemeint, als du sagtest, Julian müsse sich nicht mehr für seinen griesgrämigen Großvater schämen, wenn ich tot bin? ”

Wieder Stille. „Papa, bitte lass uns reden. Wie wäre es, wenn wir uns treffen?

„Gern. Aber nur unter einer Bedingung. ”

„Welcher? ”

„Du entschuldigst dich aufrichtig.

Und du suchst dir einen Job. ”

Angelika lachte bitter: „Ein Job? Papa, ich bin 35. Wer nimmt denn eine 35-jährige Frau, die sechs Jahre nicht gearbeitet hat?

„Das ist dein Problem, nicht meins. ”

„Aber Papa… ”

„Die Entscheidung liegt bei dir, Angelika. Entschuldigung und Job – oder kein Erbe.

Du hast eine Woche Zeit. ”

Ich legte auf. Die Woche verging. Kein Anruf, keine Entschuldigung, nichts.

Stattdessen rief Julian an: „Opa. Mama sagt, du bluffst nur. Sie sagt, kein Vater würde sein eigenes Kind enterben. ”

„Und was denkst du?

„Ich denke, Mama kennt dich nicht so gut, wie sie glaubt. ”

Kluger Junge. Am achten Tag, als die Frist abgelaufen war, rief ich Hartmut an: „Es bleibt dabei. Vollständige Enterbung.

„Verstanden, Georg. Soll ich Angelika schriftlich informieren? ”

„Ja. Aber erst in drei Monaten.

Ich möchte vorher noch etwas anderes erledigen. ”

Was ich erledigen wollte, war ein Plan, der Angelika zeigen würde, dass Respektlosigkeit Konsequenzen hat. Ich verkaufte das Haus. 420.

000 Euro bekam ich dafür. Mit dem Geld kaufte ich eine schöne Wohnung in Hamburg für 180. 000 Euro. Der Rest wanderte aufs Konto – insgesamt 430.

000 Euro. Als ich Angelika mitteilte, dass das Haus verkauft war, rastete sie aus: „Du hast was getan? ”

„Ich habe mein Haus verkauft. ”

„Aber das war unser Erbe!

„Nein. Es war mein Eigentum. ”

„Papa, das kannst du nicht machen! Wir haben auf dieses Haus gezählt.

„Ihr habt darauf gezählt, dass ich sterbe. Das ist ein Unterschied. ”

„Wo sollen wir denn wohnen? ”

„Das ist euer Problem, nicht meins.

Angelika heulte, schrie, drohte sogar mit einem Anwalt. Aber was sollte ein Anwalt machen? Ich hatte nichts Illegales getan. Ein Mann hat das Recht, sein eigenes Haus zu verkaufen.

Drei Monate nach dem Hausverkauf bekam Angelika dann den Brief von Hartmut. Vollständige Enterbung, notariell beglaubigt, rechtskräftig. Ihr Schock war hörbar, als sie mich anrief: „Papa… das ist nicht dein Ernst, oder?

„Doch. Es ist mein vollständiger Ernst. ”

„Aber ich bin deine Tochter! ”

„Warst du – bis du mir den Tod gewünscht hast.

Sie weinte. Echte Tränen, zum ersten Mal seit Jahren. Aber es war zu spät. Viel zu spät.

Julian rief an diesem Abend an: „Opa. Mama weint schon stundenlang. Sie tut mir leid. ”

„Mir auch, Julian.

Aber sie hat ihre Chance gehabt. ”

„Ich weiß. Und Opa? Ich habe entschieden.

Ich komme zu dir. Und später zu Onkel Klaus. ”

„Bist du sicher? ”

„Ja.

Mama liebt nur das Geld. Du liebst mich. ”

Heute, sechs Monate später, lebe ich in meiner schönen Wohnung in Hamburg. Julian besucht mich jeden zweiten Wochenende – heimlich, seine Mutter weiß nichts davon.

Er ist ein kluger Junge und versteht, dass manchmal schwierige Entscheidungen getroffen werden müssen. Angelika musste ihr Haus verkaufen, um die Schulden zu bezahlen. Sie wohnt jetzt in einer kleinen Mietwohnung und arbeitet als Kassiererin im Supermarkt – ihr erster Job seit Jahren. Torsten hat endlich wieder Arbeit gefunden, als Lagerarbeiter.

Sie leben bescheiden, müssen jeden Cent umdrehen. Genau wie Elisabeth und ich damals, als wir jung waren. Vielleicht lernt Angelika jetzt endlich den Wert des Geldes kennen. Manchmal denke ich: Hätte ich früher härter durchgreifen sollen?

Hätte ich schon vor Jahren Grenzen ziehen müssen? Wahrscheinlich ja. Aber man lernt nie aus. Als Angelika mir den Tod wünschte, dachte sie, sie würde einen schwachen alten Mann vor sich haben.

Stattdessen traf sie auf einen ehemaligen Bundeswehrmajor, der 32 Jahre lang gelernt hat, schwierige Entscheidungen zu treffen. Das schönste Geschenk, das ich mir machen konnte, war nicht zu sterben, sondern zu leben – ohne gierige, respektlose Menschen, die mich nur ausnutzen wollten. Auch wenn es meine eigene Tochter war. Julian wird mit 25 ein reicher Mann sein.

Angelika wird eine Lektion gelernt haben, die längst überfällig war. Und ich? Ich genieße jeden Tag meiner neuen Freiheit.