Im April 1945 standen die Überreste der Ersten Gebirgsdivision, einst stolze und gefürchtete Elitetruppe der Wehrmacht, vor den Toren von Freiburg. Unter ihnen befand sich auch ein Mann, dessen Name in den Dörfern Griechenlands noch immer mit einem Fluch belegt war: Oberleutnant Willi Röser, von seinen eigenen Männern hinter vorgehaltener Hand als „der Nero von 1298“ bezeichnet. Doch an diesem Tag, dem 27. November, gab es keine Dörfer zu plündern und keine wehrlosen Bauern zu erschießen.

Stattdessen heulten die Sirenen über der Stadt, und der Himmel erfüllte sich mit dem Dröhnen alliierter Bomber. Der Angriff kam schnell und ohne Vorwarnung. Gebäude stürzten ein, Feuer loderten, Tod und Chaos beherrschten die Straßen. Als der Angriff vorbei war, lag auch Willi Röser unter den Trümmern.
Ein Mann, der für den Tod von über hundert unschuldigen Zivilisten verantwortlich war – darunter 63 Kinder –, starb nicht durch griechische Kugeln, sondern unter den Bomben seiner eigenen Feinde. Kein Gerichtsverfahren, keine Reue, kein Geständnis. Nur Stille. Dass sein Tod keine Gerechtigkeit brachte, sondern nur ein weiteres Ende in einem langen Krieg, war eine Ironie, die nur wenige in den zerstörten Dörfern Griechenlands wahrnahmen.
Denn was in Mussiotiza geschah, war nie wirklich gesühnt worden. Der Sommer 1943 war der blutigste gewesen, den die Bewohner des Dorfes Mussiotiza im nordwestlichen Griechenland je erlebt hatten. Die Wehrmacht hatte das Land seit 1941 besetzt, doch mit dem Zusammenbruch Italiens eskalierte die Gewalt. Die griechischen Partisanen der EDES, angeführt von Napoleon Zervas, operierten aus den Bergen und sabotierten Nachschublinien.
Deutsche Patrouillen wurden überfallen, Brücken gesprengt. Die Deutschen kannten nur eine Antwort: Vergeltung. Jedes Dorf, das die Partisanen mit Nahrung, Unterkunft oder Informationen unterstützte, wurde zum Feind erklärt. Und die Zivilisten waren keine Menschen mehr, sondern Hindernisse.
Am 18. Juli 1943 wurden neun deutsche Soldaten bei einem Hinterhalt nahe dem Dorf Kopani getötet. Der Kommandeur des Regiments 98, Josef Salminger, forderte Blut. Sein Vorgesetzter, Generalmajor Walter Stettner von Grabenhofen, genehmigte die Vergeltungsaktion ohne Zögern.
Das Ziel: Mussiotiza, ein Ort mit etwa 800 Einwohnern. Am 24. Juli kreiste ein deutsches Flugzeug über dem Dorf und warf Flugblätter ab, die den Bewohnern bei Todesstrafe verboten, den Ort zu verlassen. Es war eine Falle.
Am nächsten Morgen rollten die Lastwagen heran, vollgepackt mit Soldaten des Regiments 98. Vier Gruppen umstellten das Dorf. Eine davon kommandierte Willi Röser. Beim Morgengrauen drangen die Soldaten in Mussiotiza ein.
Sie schossen in Häuser, schrien Befehle, die niemand verstand. Türen wurden eingetreten, Menschen auf die Straßen gezerrt. Wer floh, wurde sofort erschossen. Alte Männer wurden geschlagen, Frauen mussten ihre Wertgegenstände und Lebensmittel abgeben.
Häuser wurden geplündert, dann angesteckt. Der Rauch zog die Hänge hinunter, während die Flammen die trockenen Strohdächer verschlangen. Wer die erste Durchsuchung überlebte, wurde zum Plateau oberhalb des Dorfes getrieben, einem Ort namens Pitari, der einst bei osmanischen Überfällen als Zuflucht gedient hatte. Frauen hielten ihre Säuglinge fest, Kinder klammerten sich aneinander.
Die Deutschen stellten sie in Reihen auf und richteten ihre Maschinengewehre auf sie. Als der Befehl fiel, eröffneten die MG-Schützen das Feuer. Lange Feuerstöße fegten durch die Menge. Menschen fielen in Wellen, schrien, versuchten wegzukriechen.
Die Soldaten gingen zwischen ihnen umher und gaben den Verwundeten den Fangschuss. Als es vorbei war, lagen 136 Leichen auf dem Boden. Da unter den Toten nur wenige junge Männer waren, wurde von einem Massengrab abgesehen. Die Toten wurden in einen trockenen Brunnen geworfen.
Tagelang lag der Geruch von Rauch und Verwesung über dem Dorf, während Hunde zwischen den Ruinen streunten. Doch das Massaker hatte das Gegenteil des Beabsichtigten erreicht. Statt den Widerstand zu brechen, erfüllte es die Berge mit noch mehr Wut und dem Verlangen nach Rache. Am 27.
August 1943 kehrten die Deutschen zurück. Der Anlass war die Tötung eines weiteren Offiziers. Diesmal unter dem direkten Kommando von Röser. Sie beschuldigten einige Familien, für Partisanen gekocht zu haben, und erschossen 17 Menschen an Ort und Stelle – vor ihren eigenen Häusern.
Die Leichen ließ man als Warnung auf der Straße liegen. Am Ende dieses blutigen Sommers waren 153 Dorfbewohner tot, darunter 63 Kinder unter sechzehn Jahren. Der offizielle deutsche Bericht sprach von einem zerstörten Banditennest, in dem einhundert Banditen getötet worden seien. Eine Lüge, wie so oft.
In Wirklichkeit war kein einziger deutscher Soldat im Dorf angegriffen worden. Es gab keine Partisanen dort. Nur Bauern, Hirten, Mütter, Kinder und Alte. Mussiotiza war nur der Anfang.
Das gleiche Muster wiederholte sich in ganz Westgriechenland: Siedlungen wurden umzingelt, niedergebrannt, die Bewohner erschossen. Die Befehle kamen von oben, und die Soldaten, abgestumpft durch Jahre des Krieges im Osten, führten sie als Routine aus. Der Name „Edelweiß“, einst Symbol für Mut und Disziplin, wurde in den Bergen Griechenlands zu einem Zeichen des Terrors. Doch der Kreislauf der Gewalt verschonte auch die Täter nicht.
Am 1. Oktober 1943 wurde Josef Salminger, der Befehlshaber, der das Massaker von Mussiotiza gefordert hatte, von griechischen Partisanen in einen Hinterhalt gelockt und getötet. Sein Tod löste die nächste Vergeltungswelle aus: Zwei Tage später massakrierten deutsche Soldaten im Dorf Lyngiades 92 Zivilisten, darunter auch Säuglinge. Das jüngste Opfer war sechs Monate alt.
General Stettner von Grabenhofen, der Architekt der Terrorpolitik, blieb bis Oktober 1944 im Kommando. Dann wurde seine Einheit während der sowjetischen Belgrader Offensive abgeschnitten. Er galt fortan als vermisst – gefangen genommen und getötet von jugoslawischen Partisanen, so die unbestätigten Berichte. Sein Leichnam wurde nie gefunden.
Willi Röser also, der „Nero von 1298“, überlebte bis in die letzten Kriegsmonate. Aber nicht für seine Verbrechen. Am 27. November 1944 riss ihn der alliierte Bombenangriff auf Freiburg aus dem Leben.
Kein Prozess, keine Verantwortung, keine Reue. Nach der Kapitulation im Mai 1945 ergaben sich die Reste der Ersten Gebirgsdivision den Briten in Österreich. Viele Offiziere versuchten, sich als ehrenhafte Soldaten darzustellen, die nur gegen Partisanen gekämpft hätten – nicht als Kriegsverbrecher. Einige wurden nach Jugoslawien ausgeliefert, wo sie sich für ihre Gräueltaten vor Gericht verantworten mussten und hingerichtet wurden.
Der Kalte Krieg überlagerte bald die Verbrechen der Wehrmacht. Für die Menschen von Mussiotiza aber gab es kein Vergessen. Zwischen den Ruinen ihrer abgebrannten Häuser bauten die Überlebenden ihre Heimat Stein für Stein wieder auf. An der Hinrichtungsstätte und im Dorf wurden Denkmäler errichtet – Mahnmale für Hunderte, die gewaltsam aus ihren Häusern verschleppt und von den Besatzern ermordet wurden.
Bis heute erinnern sie an das Schicksal jener Menschen, deren Namen nie vergessen werden dürfen, auch wenn die Täter allzu oft davonkamen oder in den Wirren des Krieges verschwanden.


