„Du weißt schon, dass du dich gerade im Spiegel gesehen hast, oder? “
„Ja, ich schaue jeden Tag in den Spiegel. “
„Und trotzdem kommst du hierher? “
Die Sache ist die: Ich kann mir einfach keine Namen merken.

Nicht für Dinge, nicht für Orte, nicht für irgendetwas. Wenn mich jemand fragt, was ich essen möchte, sage ich: „Na ja, dieses Gelbe halt. “ Oder ich erkläre einen Wassermelonen-Kram, der im Kühlschrank liegt, und hoffe, dass mein Gegenüber einfach weiß, was ich meine. Mein Vater hat mich neulich angerufen und gefragt, wo ich bin.
Ich sagte: „Ich bin an dieser Haltestelle. Na ja, wie heißt das noch mal? Ich kann mir nie merken, wie die Dinge heißen. Du weißt schon, diese Sache, wo die Busse anhalten.
“
Er ist durchgedreht. „Du wechselst in die nächste Klasse und du kennst nicht mal die einfachsten Wörter? Bist du dumm, oder was? Du solltest inzwischen alles wissen, von Anfang bis Ende, aber du weißt nichts!
“
Ich habe es mir selbst eingebrockt, das weiß ich. Selbst meine Freundin ist von mir genervt. Dauernd sage ich: „Na ja, du weißt schon, so eine Leckerei, die gibt es da. “ Oder: „Hol mir doch mal diese Süßigkeit.
Du weißt schon, die schokoladige. “ Wenn ich dann endlich den Namen weiß – Snickers –, ist es schon peinlich. Gestern war ich an der Reihe zu erklären, was eine Wassermelone ist, und ich habe es nicht geschafft. Ich stand da und sagte nur: „Na ja, es gibt so eine Leckerei.
Die ist im Kühlschrank. So etwas gibt es. Verstehst du? “
„Ja“, sagte sie.
Aber ich wusste, dass sie dachte: „Um Himmels willen. “
Ich habe aber auch andere Probleme. Gestern habe ich mit Werba telefoniert, einer Freundin. Irgendwann hat sie mich so genervt, dass ich vor einem Jungen namens Artjom stand und laut ins Telefon schrie: „Verschwinde!
Du nervst! Hör auf, mich anzurufen! “
Als ich auflegte, fragte Artjom: „Sag mal, war das deine Mutter? “
„Nein, meine Freundin“, sagte ich.
„Ah, krass“, meinte er nur. Das Schlimmste ist: Meine Mutter weiß, dass ich fluchen kann, aber ich tue es nie in ihrer Gegenwart. Wenn mein Vater wüsste, dass ich fluchen kann – selbst das Wort „Kacke“ wäre für ihn schon zu viel –, dann wäre die Hölle los. Meine Freundin hat es noch schlimmer.
Bei ihr zu Hause darf sie nicht einmal ein einziges Schimpfwort sagen. Deshalb treffen wir uns oft bei den Garagen, weg von unseren Eltern. Wir sind aber auch echt anstrengend. Zweimal hintereinander sind wir zwanzigtausend Schritte gelaufen.
Zwanzigtausend! Meine Beine haben sich angefühlt, als würden sie gleich abfallen. Ich hatte nicht mal mehr die Kraft, zu schreien. Wir waren auf der Suche nach diesen drei Mädchen, von denen wir Süßigkeiten wollten.
Sie sagten, sie seien irgendwo bei „Kalina-Malina“. Ich hatte keinen Schimmer, wo das sein sollte, und habe auf der ganzen Straße geflucht. „Lass uns den da fragen“, schlug meine Freundin vor und zeigte auf einen Mann. „Der hat uns doch gerade gehört, wie wir die ganze Straße zusammenbrüllen“, sagte ich.
„Na und? “
Die Leute auf der Straße haben uns schon angestarrt. Ein Mann meinte sogar: „Soll ich Ihnen ein Taxi rufen, junge Frau? “
Ich konnte nicht mehr aufhören zu lachen.
Ich ging hinter ihr her und prustete einfach nur noch. Es war meine Schutzreaktion geworden. Ich konnte nicht mehr. Alles tat weh vom Lachen.
Und dann ist da noch die Sache mit dem Aufzug. Meine Großmutter kam zu Besuch. Sie hatte schwere Taschen und wartete unten an der Gegensprechanlage. Ich zog mich an und wollte los.
„Warte, ich komme mit“, sagte Vika. „Ich warte nicht auf dich, sie wartet unten“, sagte ich. Na gut. Ich ging in den Aufzug und wollte die Tür schließen.
Da kam Vika angerannt und drückte wild auf den Knopf. Der Aufzug hatte sich nicht mal richtig geschlossen – er hatte noch so einen Spalt – und dann blieb er einfach stehen. Er war kaputt. „Bist du blöd, oder was?
“, schrie ich sie an. „Was stehst du da? Geh deine Mutter holen! “
Meine Mutter stand direkt daneben und sagte kein Wort.
Sie wusste Bescheid. Mein Vater kam später zu mir und fragte, was los sei. „Es ist einfach die Hölle“, sagte ich. „Aha, ich wusste, dass du fluchst“, sagte er.
„Ich wusste, dass du ‚Mist‘ sagst. “
Von da an wusste er es offiziell. Wir haben die drei Mädchen übrigens nie gefunden. Stattdessen sind wir einfach an die Uferpromenade gegangen.
Ich hatte keine Kraft mehr, irgendetwas zu sagen. Meine Freundin auch nicht. Wir sind einfach nur noch gelaufen. Wenn ich mit Werba rede, schreie ich sie oft an.
Wirklich, ich fluche sie mit allen Schimpfwörtern der Welt an. Und trotzdem redet sie noch mit mir. Ich verstehe nicht, wie sie das aushält.
Na ja, sie hat wohl einfach keine andere Wahl.


