Der graue Novembermorgen hätte ruhig beginnen sollen, mit Kaffee und einer Zeitung. Stattdessen saß mir ein Privatdetektiv gegenüber und legte Fotos auf meinen Couchtisch, die mein ganzes Leben in Trümmer legten. Mein Name ist Friedrich Huber, 67 Jahre alt. Nach 42 Dienstjahren bei der Polizei genoss ich meinen Ruhestand.

Meine Frau Elisabeth war vor drei Jahren gestorben, und meine Tochter Marianne war mein Ein und Alles. Sie rief mich fast täglich an, kümmerte sich um mich, lud mich zum Essen ein. Sie war meine kleine Prinzessin. Drei Monate zuvor hatte sie mich um 50.
000 Euro gebeten. Sie wollte eine Eigentumswohnung kaufen, hatte sie gesagt. Ich hatte zugestimmt, ohne zu zögern. Aber dann bestand sie darauf, das Geld bar zu bekommen.
Wegen der Steuern. Als ehemaliger Polizist klingelten bei mir sofort die Alarmglocken. Ich beauftragte den Detektiv Johann Steiner, diskret nachzuforschen. Jetzt saß er vor mir.
Seine Miene war ernst, fast bedrückt. „Herr Huber, was ich Ihnen zu berichten habe, wird Ihnen nicht gefallen. “
Steiner legte ein Foto auf den Tisch. Es zeigte Marianne in einem eleganten Restaurant, lachend, ihre Hand auf der eines fremden Mannes.
„Wer ist das? “, fragte ich. „Stefan Koller, 52 Jahre, verheiratet, zwei Kinder. Besitzer mehrerer Nachtclubs.
“
Die nächsten Fotos waren schlimmer. Marianne küsste diesen Mann vor einem Hotel. Marianne stieg aus einem nagelneuen BMW. Marianne in teuren Boutiquen.
Eine goldene Uhr blitzte an ihrem Handgelenk. Alles nur wenige Tage, nachdem ich ihr das Geld gegeben hatte. „Barabhebungen“, sagte Steiner leise. „Keine Überweisung für eine Wohnung.
Aber dieser Stefan Koller hat Spielschulden. Ungefähr 80. 000 Euro. Bei sehr unangenehmen Leuten.
“
Dann zog er einen USB-Stick aus seiner Tasche. „Ich habe eine Aufnahme von gestern Abend. Ein Gespräch zwischen Ihrer Tochter und Herrn Koller. “
Ich hörte Mariannes Stimme.
„Die 50. 000 Euro von meinem Vater haben uns Zeit gekauft, Stefan. Aber es reicht nicht. “
„Dein Vater hat bestimmt noch mehr Geld.
Er lebt allein in diesem Haus, bekommt eine gute Pension. “
„Er wird misstrauisch werden. Ich kann nicht schon wieder nach Geld fragen. “
„Dann müssen wir einen anderen Weg finden.
Du könntest ihm etwas in den Tee mischen. Nur ein bisschen. Genug, um ihn krank zu machen. “
„Das ist zu gefährlich.
Außerdem ist der alte Polizist, der merkt das. “
„Dann eben anders. Ein Unfall vielleicht. Er ist alt, geht viel spazieren.
Bei dem Wetter könnte er leicht stürzen. “
Ich saß da wie betäubt. Meine eigene Tochter. Sie sprach darüber, mich zu töten.
Zusammen mit ihrem Geliebten, der Spielschulden hatte. Steiner sah mich mitleidig an. „Gehen Sie zur Polizei. Der Betrug ist eindeutig.
“
„Noch nicht“, sagte ich. Ich hatte 42 Jahre lang Verbrecher gejagt. Ich kannte ihre Tricks, ihre Schwächen, ihre Angst. Wenn ich jetzt zur Polizei ginge, würde Marianne mit einem guten Anwalt vielleicht nur eine Bewährungsstrafe bekommen.
Stefan Koller würde behaupten, alles sei nur Spaß gewesen. Und die wirklichen Verbrecher, die Gläubiger, blieben frei. Ich wollte mehr. Ich wollte alles zerschlagen.
Zwei Wochen spielte ich Theater. Wenn Marianne anrief und mit ihrer liebevollen Stimme fragte: „Hallo Papa, wie geht es dir? “, musste ich mir auf die Zunge beißen. Dabei wusste ich längst, mit wem sie sich traf.
Steiner hatte gründlich gearbeitet. Die Gläubiger waren die Brüder Alexander und Viktor Petrof, zwei Bulgaren mit illegalen Geschäften. Geldwäsche, Erpressung, illegales Glücksspiel. Sie hatten schon mehreren Schuldnern Besuch abgestattet, der im Krankenhaus endete.
Doch dann entdeckten wir etwas Entscheidendes: Die Petrof-Brüder waren bereits im Visier einer Sonderkommission. Mein alter Kollege Werner Hoffmann leitete die Ermittlungen. Jahrelang hatten wir zusammengearbeitet. Werner schuldete mir noch einen Gefallen.
Eines kalten Dezembermorgens klingelte mein Handy. Mariannes Name erschien auf dem Display. „Guten Morgen, Papa. Kannst du heute Nachmittag zu mir kommen?
Ich möchte dir etwas zeigen. “
Mein Herz schlug schneller. Sie lockte mich in ihre Wohnung. „Natürlich.
Worum geht es denn? “
„Ach, nur eine kleine Überraschung. Sagen wir um 3 Uhr? “
Nach dem Telefonat rief ich Werner an.
„Es ist so weit. Wir sind bereit. “
Um halb drei fuhr ich zu Mariannes Wohnung in der Grazer Innenstadt. Sie öffnete die Tür in einem teuren Kleid.
Sie küsste mich auf die Wange. Ich musste mich zusammenreißen, um nicht zurückzuzucken. Im Wohnzimmer saß Stefan Koller auf dem Sofa. Er stand auf und reichte mir die Hand.
„Herr Huber, schön, Sie kennenzulernen. “
Marianne servierte Kaffee. Dann ergriff sie das Wort. „Papa, wir haben dich hierher gebeten, weil wir dir etwas Wichtiges sagen müssen.
Stefan und ich, wir sind ein Paar. “
Ich tat überrascht. „Oh. Seit wann denn?
“
„Seit einigen Monaten. Ich weiß, es ist kompliziert, weil Stefan verheiratet ist. Aber die Ehe ist schon lange vorbei. “
Eine Lüge.
Steiner hatte herausgefunden, dass Stefan noch immer mit seiner Frau zusammenlebte. Dann kam der eigentliche Grund. Stefan holte tief Luft. „Herr Huber, wir haben geschäftliche Probleme.
Ich schulde einigen Leuten 80. 000 Euro, und sie werden ungeduldig. “
Marianne flehte: „Könntest du uns helfen? Du hast Ersparnisse.
“
„Die Leute haben schon angedeutet, dass sie Marianne oder Ihnen etwas antun könnten“, sagte Stefan. Ich stand auf und ging zum Fenster. Dann drehte ich mich um. „In Ordnung.
Ich helfe euch. Aber ich habe eine Bedingung. Ich will diese Männer treffen. “
„Papa, das ist zu gefährlich!
“, rief Marianne. „Ich war 42 Jahre lang Polizist. Ich kann auf mich aufpassen. Und ich gebe niemandem 80.
000 Euro, ohne zu wissen, mit wem ich es zu tun habe. “
Stefan zögerte. Dann holte er sein Handy heraus. Ein kurzes Gespräch auf Bulgarisch.
„Sie erwarten uns um 20 Uhr in ihrem Büro. “
Am Abend fuhren wir gemeinsam hin. Stefan und Marianne waren nervös. Marianne nagte an ihren Fingernägeln.
Das Büro lag in einem heruntergekommenen Gebäude in der Annenstraße. Zwei kräftige Männer mit kalten Augen empfingen uns. „Sie sind der Vater? “, fragte einer mit starkem Akzent.
„Friedrich Huber. Und Sie sind die Herren, die meiner Tochter gedroht haben? “
Die Atmosphäre wurde eisig. „Wir drohen nicht, Herr Huber.
Wir stellen nur Fakten fest. Stefan schuldet uns Geld. “
Ich holte aus meiner Jacke einen Umschlag. „80.
000 Euro. Alles da. “
Viktor griff danach. Ich zog ihn zurück.
„Moment. Zuerst möchte ich eine Garantie, dass meine Familie nach dieser Zahlung in Ruhe gelassen wird. “
„Sie haben unser Wort. “
„Das reicht mir nicht.
“
Ich zog ein kleines Aufnahmegerät aus der Tasche. „Ich möchte, dass Sie das offiziell erklären. “
Die Brüder erstarrten. Stefan und Marianne wurden leichenblass.
„Was soll das? “, drohte Viktor. „Routine. Ich bin pensionierter Polizist.
Ich dokumentiere alles. “
Alexander trat einen Schritt näher. „Polizist? “
„Oberkommissar Friedrich Huber.
Hier in Graz bekannt. Und bevor Sie etwas Dummes tun: Draußen warten meine Kollegen. “
In diesem Moment krachten die Türen auf. Schwer bewaffnete Polizisten der Sonderkommission stürmten herein.
„Polizei! Hände hoch! “
Werner Hoffmann folgte. „Alexander und Viktor Petrof, Sie sind verhaftet.
Schutzgelderpressung, Geldwäsche, Bedrohung. “
Die Brüder wurden zu Boden gerissen und gefesselt. Stefan stand wie versteinert da. Marianne schrie.
„Papa, was hast du getan? “
Ich sah sie mit kalten Augen an. „Ich habe Gerechtigkeit geschaffen, Marianne. “
Werner kam zu mir.
„Hast du die Aufnahmen? “
Ich reichte ihm das Aufnahmegerät und den USB-Stick. „Alles da. Erpressung, Verschwörung.
Sogar das Gespräch, in dem sie über einen Unfall für mich sprechen. “
Werner nickte. „Stefan Koller und Marianne Huber, Sie sind verhaftet. “
Als die Handschellen um Mariannes Handgelenke klickten, sah sie mich mit Tränen in den Augen an.
„Papa, wie konntest du mir das antun? Ich bin deine Tochter. “
Ich trat dicht vor sie hin. „Du bist nicht mehr meine Tochter.
Meine Tochter hätte mich niemals belogen, bestohlen und meinen Tod geplant. “
„Ich wollte dir nie etwas antun. Das war alles Stefan. “
„Ich habe die Aufnahme gehört, Marianne.
Du warst einverstanden. “
Stefan wurde an mir vorbeigeführt. Er spuckte in meine Richtung. „Sie verdammter alter Mann.
Sie haben alles ruiniert. “
„Ich habe meine Familie vor einem Verbrecher beschützt. “
Drei Monate später saß ich in meinem Wohnzimmer und las die Zeitung. Die Schlagzeile lautete: „Kriminelles Netzwerk in Graz zerschlagen.
Tochter plante Vaters Tod für Spielschulden. “
Stefan Koller wurde zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt. Die Petrof-Brüder bekamen zehn Jahre. Marianne erhielt drei Jahre wegen Beihilfe zum Betrug und Verschwörung.
Das Telefon klingelte. Werner. „Friedrich, die Staatsanwaltschaft ist sehr zufrieden. Durch deine Informationen konnten wir das gesamte Netzwerk zerschlagen.
Wie geht es dir? Es kann nicht leicht sein. “
Ich blickte auf das gerahmte Foto von Marianne an der Wand. Langsam stand ich auf, drehte es mit dem Gesicht zur Wand.
„Es geht mir gut, Werner. Sehr gut sogar. “
Die 50. 000 Euro hatte ich zurückbekommen.
Die Polizei hatte sie als Beweismittel sichergestellt und mir danach zurückgegeben. Mein Haus war sicher, meine Zukunft gesichert. Marianne hatte versucht, mich aus dem Gefängnis anzurufen. Ich lehnte ab.
Sie schrieb mir einen Brief, in dem sie um Verzeihung bat. Ich warf ihn ungelesen in den Müll. Ein Vater liebt seine Kinder. Aber wenn diese Kinder zu Feinden werden, wenn sie einen verraten und sogar den Tod planen, dann ist die Zeit der Liebe vorbei.
Dann kommt die Zeit der Gerechtigkeit. Und Friedrich Huber hatte seine Gerechtigkeit bekommen.


