Meine Kinder wollten, dass ich den Mieter aus der Erdgeschosswohnung werfe. Er zahle fast nichts, sagten sie, es sei praktisch verschenktes Geld. Vierzehn Monate nach dem Tod meines Mannes saß ich am Küchentisch mit dem alten Mietvertrag, den mein Erich vor Jahren selbst geschrieben hatte. Und in Paragraf 7 stand etwas, das kein Vermieter dieser Welt jemals in einen Vertrag schreiben würde.

Mein Name ist Rosvita Kellner. Ich bin 71 Jahre alt und lebe in Nürnberg, in Gostenhof, in einem schmalen Haus mit drei Wohnungen, das mein Mann und ich 1989 gekauft haben, als hier niemand leben wollte. Erich war Buchbinder, ein Beruf, den es kaum noch gibt. Vierzig Jahre lang reparierte er Bücher, restaurierte alte Bände für Bibliotheken und Sammler, manchmal für Leute aus der Nachbarschaft, die ein auseinanderfallendes Familienalbum brachten und nichts dafür zahlen konnten.
Er half ihnen trotzdem, immer. Das war Erich. Wir waren 48 Jahre verheiratet. Das Haus in Gostenhof kauften wir, als das Viertel keinen guten Ruf hatte.
Drei Wohnungen. Wir wohnten im ersten Stock. Unterm Dach war eine kleine Wohnung, die wir vermieteten. Und im Erdgeschoss war Erichs Werkstatt bis 2014.
Da gab Erich die Werkstatt auf, weil seine Augen nicht mehr mitmachten. Und wir machten aus der Werkstatt eine kleine Wohnung. Eineinhalb Zimmer, eine Kochnische, ein Bad – nichts Besonderes, aber hell und trocken. Und Herr Adamec zog in diese Wohnung.
Ich muss ehrlich sein, ich kannte Herrn Adamec kaum. Das klingt seltsam nach elf Jahren unter einem Dach, aber es ist die Wahrheit. Er war Erichs Sache. Erich fand ihn.
Erich machte den Vertrag. Erich kümmerte sich um alles, was ihn betraf. Wenn ich fragte, sagte Erich nur: „Adamec ist in Ordnung, Rosvita, er bleibt. ”
Herr Adamec war damals Anfang sechzig.
Ein leiser Mann, sehr dünn, mit einem leichten Hinken. Er grüßte höflich im Treppenhaus. Er machte nie Lärm. Er zahlte pünktlich.
Und im Winter schaufelte er den Schnee vor dem Haus, ohne dass ihn jemand darum gebeten hätte. Ich wusste nichts weiter über ihn. Ich wusste nicht, woher er kam, was er gearbeitet hatte, ob er Familie hatte. Ich fragte nie.
Ich will euch zeigen, wie unsichtbar ein Mensch sein kann, der jeden Tag unter deinem eigenen Dach lebt. Ich wusste, dass er mittwochs einkaufen ging, weil ich ihn dann mit seiner Tasche sah. Ich wusste, dass er abends lange Licht anhatte. Ich wusste, dass er nie Besuch hatte.
Nicht einmal in elf Jahren. Ich kannte seinen Vornamen nicht. Jahrelang nannte ich ihn Herr Adamec und wusste nicht, dass er Josef hieß. Einmal, es muss 2018 gewesen sein, lag ich mit Grippe flach.
Erich war zwei Tage mit einem Kunden in München. Morgens stand eine Tüte vor meiner Tür. Brötchen, Milch, ein Glas Honig und eine Zitrone. Kein Zettel.
Ich erzählte Erich später davon, und er nickte und sagte: „Das ist Adamec”, und sonst nichts. Ich dachte damals, was für ein aufmerksamer Mieter. Ich fragte mich nicht, woher er wusste, dass ich krank war. Ich fragte mich nicht, warum ein Mann, der 220 Euro Miete zahlt, seiner Vermieterin Honig vor die Tür stellt.
Was ich wusste, war die Miete. 220 Euro inklusive Nebenkosten. 220 Euro in Nürnberg für eineinhalb Zimmer mit Bad in einem Viertel, das inzwischen sehr beliebt geworden ist. Ich sprach Erich zweimal darauf an.
Ich sagte: „Erich, das ist einfach viel zu wenig. Wir könnten das Dreifache verlangen. ” Und beide Male sagte mein Mann: „Ja, könnten wir. ” Und dann wechselte er das Thema.
Erich starb vor vierzehn Monaten. Er hatte Krebs, es zog sich über Monate hin, und ich pflegte ihn zu Hause, bis ich nicht mehr konnte. In den letzten Wochen war Herr Adamec oft im Haus. Er brachte Lebensmittel hoch, ohne dass ich fragen musste.
Er saß sogar einmal die ganze Nacht bei Erich, damit ich schlafen konnte. Ich dachte damals, wie nett von dem Mieter. Ich verstand nicht, was ich sah. Bei der Beerdigung stand er ganz hinten allein, und er weinte nicht nur ein bisschen.
Er weinte wie jemand, der einen Bruder verliert. Ich war in dem Moment überrascht, aber auf einer Beerdigung wundert man sich über vieles und fragt nichts. Etwa zwei Monate nach der Beerdigung begann es. Meine Kinder, ich muss euch von ihnen erzählen.
Wir haben zwei. Bernhard ist Steuerberater und lebt in Fürth. Und Katrin, 44, ist in Erlangen, arbeitet in der Krankenhausverwaltung. Sie sind keine schlechten Menschen.
Das will ich zuerst sagen. Sie halfen mir nach Erichs Tod mit den Formularen, der Rente, all dem Papierkram, den der Tod mit sich bringt. Sie kümmerten sich, aber sie kümmern sich auf eine bestimmte Art. Sie kümmern sich mit Excel.
Bernhard kam an einem Sonntag und hatte einen Ausdruck dabei. Er breitete ihn auf meinem Küchentisch aus und sagte: „Mama, ich habe mir deine Situation angeschaut. Deine Rente plus die Betriebsrente von Papa. Es ist knapp.
Und du hast hier ein Haus, das viel mehr abwerfen könnte. ” Er zeigte mir Zahlen. Die Dachgeschosswohnung sei auch zu billig vermietet, sagte er, aber das sei okay. Das Problem sei unten.
220 Euro, Mama. Für diese Wohnung in Gostenhof könne man heute 700 verlangen, vielleicht mehr. Das seien 500 Euro im Monat, die du verschenkst, 6. 000 im Jahr.
Papa hat da elf Jahre lang Geld verschenkt. Katrin, die auch da war, sagte: „Mama, wir wollen doch nur, dass es dir gut geht. Du musst doch nicht sparen, wenn du 6. 000 im Jahr liegen lässt.
” Und wisst ihr was? Sie hatten recht mit den Zahlen. Jede einzelne Zahl stimmte. Ich habe es selbst nachgerechnet.
Ich kann rechnen. Aber etwas in mir wehrte sich, und ich konnte damals nicht sagen, was es war. Bernhard sagte: „Mama, das ist ein Mieter, kein Familienmitglied. ” Über die nächsten Monate ließen sie nicht locker.
Es war nie unfreundlich. Das ist wichtig. Meine Kinder haben nie geschrien, nie gedroht. Sie rechneten.
Es kam bei jedem Besuch zur Sprache. Nebenbei beim Kaffee. Hast du mal darüber nachgedacht, Mama? Ich habe mit einem Makler gesprochen, der sagt, die sind realistisch.
Du musst ihn nicht rauswerfen. Du kannst ihm einfach eine Mieterhöhung schicken. Wenn er nicht zahlt, geht er von selbst. So sagte mein Sohn das, als wäre es keine Kündigung, sondern eine Naturgewalt.
Katrin ging es anders an. Sie kam über die Sorge. Mama, ich mache mir Sorgen. Was ist, wenn die Heizung kaputtgeht?
Mindestens 30. 000. Wo willst du das hernehmen? Und als ich sagte, ich nehme einfach einen Kredit auf, sagte sie: „In deinem Alter bekommst du doch keinen Kredit mehr, Mama.
” Es war nicht mal böse gemeint. Sie machte sich nur Sorgen um mich. Aber wisst ihr, was diese Art von Angst mit einer alten Frau macht? Sie zehrt an ihr.
Ich lag nachts wach und wog Heizkosten gegen Miete ab und kam immer zum selben Ergebnis. Die einzige Variable in meinem Leben, die ich ändern kann, wohnt im Erdgeschoss und hinkt. Einmal sagte Bernhard etwas, das ich mir gemerkt habe. Er sagte: „Mama, Papa war ein guter Mensch, aber gute Menschen treffen manchmal Entscheidungen, die andere bezahlen müssen.
Das müssen wir jetzt in Ordnung bringen. ” Als ob Erich ein Buchhalter gewesen wäre, der sich verrechnet hatte. Und ich begann zu wanken. Ich gebe es zu, weil ich unsicher war.
Erich hatte die Finanzen geregelt, und plötzlich war ich allein mit einem Haus, Nebenkosten, einer Heizung, die bald erneuert werden musste, und einer Rente, die kleiner war als gedacht. Wenn dir zwei erwachsene Kinder, davon einer Steuerberater, sagen, dass du 6. 000 Euro im Jahr verschenkst, glaubst du ihnen irgendwann. Und da war noch etwas, etwas, das ich nur ungern zugebe.
Ich war wütend auf Erich. Er hatte mir vierzig Jahre lang nicht erklärt, warum die Miete so niedrig war. Er hatte mich mit einem Rätsel allein gelassen, und jetzt saßen meine Kinder an meinem Tisch mit einer einfachen Erklärung für dieses Rätsel. Papa war zu weich.
Papa hat sich ausnutzen lassen. Es ist leichter, das zu glauben, als einem toten Mann zu vertrauen, der nichts erklärt hat. Ich hätte fast unterschrieben. Bernhard hatte schon einen Brief vorbereitet, eine Mieterhöhung auf 700 Euro.
Er legte ihn mir an einem Sonntag im Frühling vor und sagte: „Du musst nur unterschreiben, Mama. Dann schicke ich ihn raus. ” Und ich hatte den Stift in der Hand. Aber ich unterschrieb an dem Tag nicht.
Ich sagte, ich wolle mir den alten Vertrag noch mal ansehen, nur um zu wissen, was drinsteht. Bernhard sagte, das sei nicht nötig. Er habe eine Kopie in der Mappe gesehen. Es sei ein Standardvertrag.
Aber ich wollte ihn selbst lesen. Nennt es Sturheit. Nennt es, was übrig ist von vierzig Jahren an der Seite eines gründlichen Mannes. An dem Abend, nachdem die Kinder gegangen waren, holte ich Erichs Ordner heraus.
Er hatte Ordner für alles, beschriftet in seiner ordentlichen Buchbinder-Handschrift. Und ich fand den Mietvertrag von 2014. Es war kein Vordruck. Das war das Erste, was mir auffiel.
Erich hatte den Vertrag selbst auf der Schreibmaschine geschrieben, die er nie weggeben wollte. Vier Seiten. Ich las von Anfang an. Die üblichen Dinge.
Mietobjekt, Mietbetrag, Nebenkosten, Kaution. Alles korrekt, alles ordentlich, wie Erich alles machte. Und dann kam Paragraf 7. Paragraf 7 war überschrieben mit „Besondere Vereinbarungen”, und dort stand in Erichs Worten: „Die Miete ist bewusst niedrig gehalten.
Sie entspricht nicht der ortsüblichen Vergleichsmiete. Dies ist ausdrücklich gewollt und wie folgt begründet. ”
Ich saß am Küchentisch und las weiter. „Der Mieter, Herr Josef Adamec, hat dem Vermieter 1967 das Leben gerettet.
” Sein Leben gerettet. „Der Vermieter war damals 15 Jahre alt und beim Schwimmen im Wöhrder See untergegangen. Herr Adamec, damals 18, zog ihn heraus und zog sich dabei schwere Verletzungen zu, unter denen er noch heute leidet. ”
Ich musste aufhören zu lesen.
Ich legte das Blatt hin, stand auf und hielt mich am Küchenschrank fest. 48 Jahre Ehe. Mein Mann hatte mir nie erzählt, dass er als Junge beinahe ertrunken wäre. Nie.
Kein einziges Mal. Ich las weiter. „Nach dem Unglück konnte Herr Adamec sein Bein nicht mehr voll belasten und seinen erlernten Beruf nicht mehr ausüben. Er lebte sein Leben lang in einfachen Verhältnissen.
Der Vermieter fand Herrn Adamec 2013 nach langer Suche wieder. Zu diesem Zeitpunkt lebte Herr Adamec in unzumutbaren Verhältnissen. ”
Und dann kam der Absatz, wegen dem ich euch diese Geschichte erzähle. „Diese Wohnung steht Herrn Adamec auf Lebenszeit zu den hier vereinbarten Bedingungen zur Verfügung.
Es wird keine Mieterhöhungen geben. Eine Kündigung durch den Vermieter oder seine Rechtsnachfolger ist ausgeschlossen, soweit rechtlich zulässig. ”
Rechtsnachfolger. Erich hatte an meine Kinder gedacht, vor elf Jahren schon.
Und dann der letzte Absatz, und der war nicht mehr rechtlich. Der war einfach Erich. „Herr Adamec hat sich im Gegenzug verpflichtet, auf das Haus zu achten und, falls ich vor meiner Frau sterbe, ihr im Alltag beizustehen, so gut er kann. Diese Verpflichtung ist rechtlich nicht durchsetzbar.
Ich weiß, dass er sie trotzdem erfüllen wird. ”
Ich habe an diesem Küchentisch geweint, bis es dunkel wurde. Monatelang hatte ich mich gefragt, warum der freundliche Mieter unten jeden Dienstag meine Getränkekisten hochträgt, warum er im Winter meinen Weg schaufelt, warum er einmal im Monat klingelt und fragt, ob etwas im Haus repariert werden muss. Ich hatte gedacht, er sei einfach nett.
Er hielt ein Versprechen. Ein Versprechen, das mein Mann ihm für den Fall abgerungen hatte, dass er vor mir stirbt. Ich ging am nächsten Morgen runter und klingelte bei Herrn Adamec. Er öffnete in einem Strickcardigan, sah mich an und wusste sofort, dass etwas anders war.
Ich sagte: „Herr Adamec, ich habe den Mietvertrag gelesen. ” Er stand da, dann senkte er den Kopf und sagte: „Oh. ” Ich sagte: „Warum hat mir das nie jemand erzählt? ” Und er lud mich herein, und wir saßen in seiner kleinen Wohnung an einem Tisch, auf dem ein Buch lag, das Erich für ihn restauriert hatte, und er erzählte mir alles.
1967, ein heißer Julitag. Erich war ein schlechter Schwimmer und zu weit rausgeschwommen. Josef Adamec war der Sohn polnischer Eltern, die nach dem Krieg in Nürnberg geblieben waren. „Ich habe ihn nicht sofort gesehen”, erzählte er.
„Ich habe nur gehört, dass etwas nicht stimmte. Dieses Geräusch, das man macht, wenn man untergeht. Es ist kein Schreien. Es ist leiser, als man denkt.
Die Leute am Ufer haben weiter geredet und Karten gespielt. ”
Er sprang hinterher, zog Erich raus, und beim Klettern über die Steine am Ufer rutschte er aus. Sein Bein zwischen zwei Steinblöcke. „Er hat den Jungen trotzdem nicht losgelassen.
Es war ein offener Bruch”, sagte er ganz sachlich, wie alte Männer über ihre Verletzungen sprechen. „Dreimal operiert. Damals konnte man das nicht so machen wie heute. Ich war ein halbes Jahr im Krankenhaus.
”
Er hatte eine Lehre als Feinmechaniker begonnen. Er konnte sie nicht abschließen, weil man nicht acht Stunden an einer Werkbank stehen kann, wenn dich ein Bein nicht trägt. Er machte dann, was er konnte. Pförtner, Lagerarbeiter, bis der Rücken auch nicht mehr mitmachte.
Nachtwächter. „Ich sage nicht, dass mein Leben schlecht war”, sagte er. „Ich sage nur, dass es anders war als das, das ich geplant hatte. ” Er heiratete nie.
„Dein Mann”, sagte Herr Adamec, „hat sich sein ganzes Leben lang schuldig gefühlt. Ich habe ihm hundertmal gesagt, dass er keine Schuld hat. Ein 15-Jähriger, der ertrinkt, hat keine Schuld. Aber er konnte es nicht loslassen.
Er war einfach so. Wenn Erich etwas Kaputtes sah, musste er es reparieren. Bücher, Menschen, egal was. ”
Sie verloren sich aus den Augen.
Adamecs Familie zog weg. Damals gab es keine Telefone in jeder Wohnung, kein Internet. Und ein Junge, der ein halbes Jahr im Krankenhaus liegt, verliert schnell den Kontakt zu einem anderen Jungen. Und Erich suchte ihn jahrelang.
Über Einwohnermeldeämter, alte Bekannte vom See, über polnische Vereine in Nürnberg. „Weißt du, wie lange er gesucht hat? “, fragte mich Herr Adamec. Ich schüttelte den Kopf.
„Immer wieder, sein ganzes Leben lang. In den 70ern hat er es versucht. In den 80ern noch mal. Wann immer es eine neue Möglichkeit gab, hat er es wieder versucht.
Gefunden hat er mich erst 2013, nach über vierzig Jahren. ”
Er fand ihn in einer feuchten Kellerwohnung in Fürth, allein mit einer kleinen Rente und Schimmel an der Wand hinter dem Bett. „Er stand an meiner Tür”, erzählte Herr Adamec, „ein alter Mann mit weißen Haaren, und ich habe ihn sofort erkannt. Sofort.
Er sagte: ‚Josef, ich habe eine Wohnung für dich, und du sagst jetzt nicht Nein. ‘”
Er erzählte mir, dass er zwei Monate lang ablehnte. Er wollte keine Almosen. Er hatte sein Leben lang nichts geschenkt bekommen und wollte nicht mit 67 anfangen.
„Ich habe ihm gesagt, Erich, ich bin damals gesprungen, weil man springt, nicht damit ich Jahre später eine Wohnung bekomme. Wenn du mir jetzt etwas gibst, machst du aus dem Sprung ein Geschäft, und dann wäre er nichts mehr wert. ”
Und Erich antwortete darauf, erzählte Herr Adamec mit einem halben Lächeln: „Es ist keine Wohltätigkeit. Ich habe eine Bedingung.
” Die Bedingung war der letzte Absatz von Paragraf 7. „Er sagte”, erzählte Herr Adamec, und seine Stimme wurde brüchig, „er sagte: Meine Frau ist zwei Jahre jünger als ich, aber die Männer in meiner Familie werden nicht alt. Wenn ich vor ihr sterbe, wirst du unten im Haus wohnen. Dann ist sie nicht allein.
Das ist der Preis für die Wohnung. ”
Er machte eine lange Pause. „Da habe ich zugestimmt, weil es kein Geschenk mehr war. Es war ein Auftrag.
” Und dann sah er mich an und sagte: „Frau Kellner, ich schulde Ihrem Mann nicht mein Leben. Er schuldet mir seines, aber er hat mir elf Jahre lang ein Zuhause und eine Aufgabe gegeben. Und ich habe ihm versprochen, dass Sie nicht allein sein werden. Ich halte dieses Versprechen nicht wegen der Wohnung, sondern wegen Erich.
”
Ich fragte ihn, ob er gewusst habe, dass meine Kinder ihn rauswerfen wollten. Er nickte. „Ihr Sohn hat im Frühjahr im Treppenhaus mit mir gesprochen, sehr höflich. Er sagte, ich solle mich auf eine Anpassung gefasst machen.
” „Und was haben Sie gesagt? ” „Nichts”, sagte Herr Adamec. „Was hätte ich sagen sollen? Ich wollte nicht mit einem Vertrag zu Ihnen kommen und sagen, hier steht, ihr könnt mich nicht rauswerfen.
Das wäre wieder ein Geschäft gewesen. ” Er sah auf seine Hände. „Ich hätte gepackt und wäre gegangen, und ich hätte sein Versprechen brechen müssen. Das hätte mich mehr gestört als die Wohnung.
”
Bernhard kam am folgenden Sonntag, um das Dokument abzuholen, das ich unterschreiben sollte. Ich hatte den Mietvertrag auf den Küchentisch gelegt, aufgeschlagen bei Paragraf 7. Ich sagte: „Setz dich und lies das. ” Er las, und ich beobachtete sein Gesicht, so wie ich zwei Tage vorher mein eigenes gespürt hatte.
Erst Verwirrung, dann Unglauben, dann etwas, wofür er keinen Ausdruck hatte. Als er fertig war, sagte er lange nichts. Dann sagte ich: „Papa wäre mit 15 ertrunken, in dem Sommer, bevor er seine Lehre anfing. Wenn der Mann da unten nicht hinterhergesprungen wäre, dann gäbe es dich nicht, und auch Katrin nicht und die Enkelkinder nicht.
”
Er saß da, mein Sohn, ein Steuerberater, und starrte auf ein Stück Papier, auf dem sein Vater vor Jahren aufgeschrieben hatte, warum die Miete 220 Euro ist. Dann sagte er sehr leise: „Ich habe ausgerechnet, dass er uns 6. 000 Euro im Jahr kostet. ” Ja.
Und in Wirklichkeit hat er uns alles gegeben, was wir haben. Ich sagte nichts dazu. Manche Sätze müssen einfach für sich selbst stehen. Katrin las es später auch.
Sie weinte und fragte, warum Papa nie etwas gesagt habe, und lange hatte ich darauf keine Antwort. Heute glaube ich zu wissen, warum. Erich sprach nicht darüber, weil er wusste, dass eine solche Geschichte anfängt, den Menschen zu gehören, denen du sie erzählst. Erzählst du sie einmal, wird Adamec zu dem Mann in dieser Familie, der Papa gerettet hat.
Er wird zum Denkmal. Die Leute bewundern ihn, starren ihn an, behandeln ihn anders. Erich wollte, dass Josef Adamec ein Mieter ist, ein Nachbar, ein Mann mit Schlüssel und eigener Tür und seiner Würde. Deshalb hat er es nur an einer einzigen Stelle aufgeschrieben, in einem Mietvertrag, den man erst liest, wenn man etwas ändern will.
Er wusste, dass irgendwann jemand kommen würde, der die Miete erhöhen will, und er sorgte dafür, dass diese Person zuerst die Wahrheit lesen muss. Das ist jetzt sieben Monate her. Die Miete ist unverändert. Sie wird es bleiben, solange Josef Adamec lebt.
Bernhard hat tatsächlich neu gerechnet, ob wir es uns leisten können, und siehe da, wir können. Stattdessen hat er mir geholfen, die Dachgeschosswohnung ordentlich zu vermieten, die tatsächlich zu billig war. Und die Heizung haben wir mit einem Kredit bezahlt, den ich in meinem eigenen Tempo abzahle. Es ging also nie ums Überleben.
Es ging um sechstausend Euro, die auf einem Papier schlecht aussahen. Herr Adamec und ich essen jetzt sonntags bei mir zusammen. Er bringt manchmal Kuchen mit, den er selbst backt, was ich elf Jahre lang nicht wusste. Wir reden über Erich.
Er kannte einen Erich, den ich nicht kannte, den 15-jährigen Jungen. Und ich kannte einen Erich, den er nicht kannte, den Mann mit den Ordnern und den Büchern. Wenn wir die beiden zusammensetzen, ist er für eine Stunde fast wieder da. Er nennt mich nicht mehr Frau Kellner, er nennt mich Rosvita.
Ich möchte euch etwas mitgeben. Meine Kinder zeigten mir eine Zahl und sagten, sie sei zu hoch. 6. 000 Euro im Jahr, verschenkt an einen Fremden.
Und die Zahl stimmte. Aber eine Zahl weiß nichts. Eine Zahl kann nicht wissen, dass an einem Julitag im Jahr 1967 ein 18-jähriger Junge in einen See gesprungen ist und dabei sein Leben ruiniert hat. Eine Zahl sitzt in einer Tabelle und sieht langweilig aus, und trotzdem hat sie immer recht, und deshalb glauben wir ihr.
Bevor ihr eine Freundlichkeit streicht, die ihr nicht versteht, fragt, warum es sie gibt. Vielleicht hat jemand Klügeres als ihr sie aus gutem Grund dort hingestellt. Und wenn ihr solche Freundlichkeit in eurem eigenen Leben habt – etwas, das ihr tut, ohne dass es jemand weiß – dann schreibt auf, warum, nicht für euch, sondern für die, die nach euch kommen und eure Konten prüfen. Neuerdings hängt im Treppenhaus ein Bild, ein kleines Schwarz-Weiß-Foto, das ich in Erichs Sachen gefunden habe.
Zwei Jungs am Wöhrder See im Sommer 1967, ein paar Wochen vor dem Unglück. Ich habe es rahmen lassen und im Flur zwischen dem ersten Stock und dem Erdgeschoss aufgehängt, genau in der Mitte. Josef geht jeden Tag daran vorbei, wenn er hochkommt, und ich gehe jeden Tag daran vorbei, wenn ich runtergehe.
So haben wir beide etwas davon.


