VIKTOR ABAKUMOW — ER SCHICKTE MENSCHEN IN GEFÄNGNISSE UND TODESZELLEN. DANN WURDE ER SELBST ZUM GEFANGENEN

VIKTOR ABAKUMOW — ER SCHICKTE MENSCHEN IN GEFÄNGNISSE UND TODESZELLEN. DANN WURDE ER SELBST ZUM GEFANGENEN

TEIL 1 — DER MANN HINTER DER TÜR

Am 22. Juni 1941 begann für die Sowjetunion ein Krieg, der Millionen Menschen das Leben kosten sollte. Deutsche Truppen überschritten die Grenze, Städte wurden bombardiert, ganze sowjetische Verbände eingekesselt und Hunderttausende Soldaten gerieten in Gefangenschaft. Doch während die Rote Armee an der Front ums Überleben kämpfte, entstand hinter den Linien eine zweite Front, die kaum weniger erbarmungslos war. Dort kämpfte man nicht mit Panzern oder Flugzeugen, sondern mit Verhören, Akten, Anschuldigungen und Angst. Ein Soldat, der aus deutscher Gefangenschaft zurückkehrte, konnte zu Hause nicht automatisch als Held empfangen werden. Er konnte als Verdächtiger gelten. Ein Offizier, der sich zurückzog, konnte wegen Feigheit verhaftet werden. Ein Mensch, der zufällig mit einem Ausländer gesprochen hatte, konnte plötzlich als Spion gelten. Über diesem System stand ein Mann, dessen Karriere auf genau dieser Angst beruhte: Viktor Semjonowitsch Abakumow. Er war kein berühmter Feldherr. Er führte keine Panzerarmee und gewann keine Schlacht. Seine Waffe war etwas anderes. Er wusste, wie man Menschen zum Schweigen brachte. Und er wusste, dass in Stalins Sowjetunion manchmal schon der Verdacht genügte, um einen Menschen verschwinden zu lassen. Doch das Erschütterndste an seiner Geschichte war nicht, wie viel Macht er bekam. Es war, wie schnell sich diese Macht gegen ihn selbst wenden konnte. Wenn du solche dunklen Kapitel der Geschichte interessant findest, bleib bis zum Ende dabei, denn der Mann, der jahrelang andere verhören ließ, sollte eines Tages in derselben kalten Zelle sitzen und genau jene Methoden kennenlernen, die er selbst ermöglicht hatte.

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Viktor Semjonowitsch Abakumow wurde am 24. April 1908 in Moskau geboren. Seine Familie gehörte nicht zur privilegierten Oberschicht. Sein Vater Semjon arbeitete als ungelernter Arbeiter, seine Mutter als Krankenschwester. Viktor wuchs in einer Welt auf, in der Armut, politische Unruhe und Gewalt zum Alltag gehörten. Das Russische Kaiserreich war zusammengebrochen, Revolution und Bürgerkrieg hatten das Land verwüstet, und aus den Trümmern entstand ein Staat, der seine Gesellschaft nach völlig neuen Regeln organisieren wollte. Für einen jungen Mann wie Abakumow bedeutete diese Zeit vor allem eines: Wer aufsteigen wollte, musste sich an das neue System anpassen. Er musste zeigen, dass er nützlich war. Und er musste lernen, wem seine Loyalität gehörte.

Noch als Jugendlicher trat Abakumow in die Rote Armee ein. Mit vierzehn Jahren diente er während der letzten Phase des russischen Bürgerkriegs in einer Brigade für besondere Aufgaben. Die genaue Welt, in die er damals eintrat, war geprägt von militärischer Disziplin und politischem Misstrauen. Überall wurden Gegner vermutet. Die junge Sowjetunion war von inneren Feinden überzeugt und behandelte politische Loyalität als Überlebensfrage. Abakumow lernte früh, dass Gehorsam nicht nur eine Tugend, sondern eine Voraussetzung für die eigene Sicherheit sein konnte. Ende 1923 schied er aus der Armee aus. Er war noch jung und hatte keine herausragende Stellung erreicht. Doch er hatte bereits etwas gelernt, das ihn später weit bringen sollte: In einem Staat, der ständig nach Verrätern suchte, konnte ein Mann Karriere machen, wenn er bereit war, die Suche nach ihnen zu übernehmen.

Nach seiner Demobilisierung trat Abakumow dem Komsomol bei, der kommunistischen Jugendorganisation. Er arbeitete in verschiedenen einfachen Berufen und bewegte sich langsam in Richtung Parteiapparat. 1930er Jahre bedeuteten für die Sowjetunion eine Zeit radikaler Veränderungen. Josef Stalin hatte seine Macht gefestigt. Die Zwangskollektivierung der Landwirtschaft forderte enorme Opfer. Die Industrialisierung veränderte Städte und Arbeitswelt. Gleichzeitig wuchs der Sicherheitsapparat. Jeder, der als politisch unzuverlässig galt, musste mit Konsequenzen rechnen. Abakumow erwies sich in dieser Umgebung als ehrgeizig und anpassungsfähig. Er trat der Kommunistischen Partei bei und erhielt schließlich die Möglichkeit, für den sowjetischen Sicherheitsdienst zu arbeiten.

1932 wurde er für den Dienst in der OGPU empfohlen. Die Vereinigte Staatliche Politische Verwaltung war einer der Vorläufer des späteren NKWD und spielte eine zentrale Rolle bei der politischen Repression. Abakumow begann in einem Bereich, der sich mit Wirtschaftsverbrechen, Sabotage und Problemen der Lebensmittelversorgung beschäftigte. Es war zunächst keine spektakuläre Position. Doch dort bekam er Einblick in eine Welt, in der Akten wichtiger sein konnten als Aussagen und ein Verdacht sich schnell in eine Anklage verwandeln konnte. Seine Vorgesetzten waren mit ihm nicht immer zufrieden. Nach den Angaben des Ausgangstextes hielten sie ihn zeitweise für unzuverlässig, unter anderem wegen seines auffälligen Privatlebens. Statt ihn aus dem Sicherheitsapparat zu entfernen, wurde er in einen anderen Bereich versetzt.

Diese Versetzung hätte das Ende seiner Karriere sein können.

Stattdessen wurde sie zu einer Schule.

Abakumow kam mit dem System der sowjetischen Zwangsarbeitslager in Kontakt. Die Lagerverwaltung war ein riesiger Apparat. Gefangene wurden in entlegene Regionen gebracht und für Bauprojekte, Bergbau, Forstwirtschaft und andere Arbeiten eingesetzt. Für die sowjetische Führung waren diese Menschen gleichzeitig Sträflinge und Arbeitskräfte. Abakumow lernte dort, wie Angst organisiert wurde. Er sah, wie Verhöre funktionierten. Er lernte die Mechanismen von Überwachung und Bestrafung kennen. Er sah, dass ein Mensch in diesem System nicht unbedingt beweisen musste, unschuldig zu sein. Vielmehr musste er hoffen, dass die Behörden ihm überhaupt Glauben schenkten.

1934 wurde die OGPU in das neu geschaffene NKWD eingegliedert. Damit entstand ein noch mächtigerer Sicherheitsapparat. Abakumow kehrte in zentralere Aufgaben zurück und wurde zunehmend mit politischen Ermittlungen betraut. Dann kam die Große Säuberung. Zwischen 1937 und 1938 erreichte die politische Repression der Stalinzeit einen Höhepunkt. Hunderttausende Menschen wurden verhaftet. Viele wurden hingerichtet. Andere verschwanden für Jahre in den Lagern. Beschuldigungen lauteten auf Spionage, Sabotage, Verrat oder konterrevolutionäre Tätigkeit. Oft wurden Geständnisse unter massivem Druck erzwungen.

Abakumow überstand diese Zeit.

Und genau das war für seine Karriere entscheidend.

Während andere Funktionäre plötzlich selbst zu Verdächtigen wurden, blieb Abakumow im Apparat. Er erwies sich als loyal. Er stellte das System nicht infrage. Er verstand, was von ihm erwartet wurde. Verhöre konnten lang dauern. Schlafentzug, psychischer Druck und körperliche Misshandlungen gehörten zum Repertoire der sowjetischen Sicherheitsorgane. Ein Beschuldigter konnte so lange unter Druck gesetzt werden, bis er die Geschichte unterschrieb, die man von ihm hören wollte. Die Wahrheit spielte dabei eine immer kleinere Rolle. Entscheidend war, dass ein Fall abgeschlossen werden konnte.

Abakumow lernte diese Logik nicht nur kennen.

Er wurde ein Teil davon.

Ende 1938 erhielt er eine wichtige regionale Stellung. Nach den Angaben des Ausgangstextes wurde er Leiter einer NKWD-Stelle in Rostow am Don. Dort war die politische Lage von Verhaftungen und Untersuchungen geprägt. Abakumow machte sich einen Ruf für Härte. Er war bereit, Entscheidungen zu treffen, vor denen andere zurückschreckten. In einem System, das Loyalität höher bewertete als Zurückhaltung, konnte diese Eigenschaft ein Vorteil sein.

Dann begann der Zweite Weltkrieg.

Am 1. September 1939 griff Deutschland Polen an.

Zwei Wochen später marschierte die Rote Armee von Osten in Polen ein.

Die sowjetische Führung hatte mit Deutschland zuvor einen Nichtangriffspakt geschlossen und Polen in Einflusszonen aufgeteilt. Für die Menschen in Polen bedeutete dies, dass zwei totalitäre Mächte ihr Land unter sich aufteilten. Während Deutschland den Westen und die Mitte des Landes besetzte, gerieten die östlichen Gebiete unter sowjetische Herrschaft. Verhaftungen folgten. Polnische Offiziere, Beamte und andere gesellschaftliche Gruppen gerieten in Gefangenschaft und wurden später Opfer sowjetischer Repressionen.

Abakumow war zu diesem Zeitpunkt bereits tief im Sicherheitsapparat verankert.

Doch der eigentliche Wendepunkt kam 1941.

Am 22. Juni griff Hitler die Sowjetunion an.

Die deutsche Wehrmacht stürmte über die Grenze.

Innerhalb weniger Wochen brach die sowjetische Verteidigung in vielen Abschnitten zusammen. Ganze Armeen wurden eingekesselt. Millionen Soldaten gerieten in Gefangenschaft. Städte wurden bedroht. Die sowjetische Führung reagierte mit äußerster Härte. Stalin wollte verhindern, dass Niederlagen zu politischer Panik führten. Schuldige mussten gefunden werden. Offiziere, die sich zurückzogen, konnten als Verräter gelten. Soldaten, die ihre Waffen verloren, konnten verdächtigt werden. Gefangene, die aus deutscher Gefangenschaft zurückkehrten, standen unter Generalverdacht.

Und mitten in dieser Krise stieg Viktor Abakumow auf.

Im Juli 1941 wurde er Leiter der Sonderabteilung des NKWD, die innerhalb der Roten Armee für Spionageabwehr zuständig war.

Plötzlich hatte er Zugriff auf einen riesigen Teil der sowjetischen Militärmaschinerie.

Er konnte Ermittlungen anordnen.

Er konnte Offiziere verhören lassen.

Er konnte Berichte direkt an die politische Führung weitergeben.

Und er konnte dafür sorgen, dass Menschen verschwanden.

Die Front war chaotisch.

Soldaten flohen.

Einheiten wurden abgeschnitten.

Kommunikation brach zusammen.

In dieser Situation konnte ein einfacher Fehler wie Verrat aussehen.

Ein verlorenes Funkgerät konnte Sabotage sein.

Ein Rückzug konnte Feigheit sein.

Eine falsche Entscheidung konnte als Spionage ausgelegt werden.

Abakumow bewegte sich genau in dieser Grauzone.

Je größer die Angst an der Front wurde, desto größer wurde seine Macht.

Er war nicht dafür verantwortlich, den deutschen Vormarsch mit Panzern aufzuhalten.

Seine Aufgabe war eine andere.

Er sollte verhindern, dass die sowjetische Führung die Kontrolle über ihre eigenen Soldaten verlor.

Und dafür war nahezu jedes Mittel erlaubt.

Die Verhöre wurden härter.

Die Untersuchungen wurden schneller.

Menschen wurden festgenommen, wenn sie unter Verdacht gerieten.

Einige wurden hingerichtet.

Andere verschwanden in Gefängnissen oder Lagern.

Die Sicherheitsorgane sollten die Armee nicht nur vor Spionen schützen.

Sie sollten auch verhindern, dass die Angst vor der Niederlage in offenen Ungehorsam umschlug.

Abakumow wurde damit zu einem Mann, den viele Offiziere fürchteten.

Er war jung im Vergleich zu einigen Generälen.

Aber er hatte etwas, das diese Generäle nicht besaßen.

Direkten Zugang zum Sicherheitsapparat.

Und Zugang zu Stalin.


Die sowjetische Führung erkannte bald, dass der Krieg eine neue Form der Spionageabwehr verlangte.

Am 14. April 1943 wurde deshalb die militärische Spionageabwehr neu organisiert.

Die neue Behörde erhielt den Namen SMERSCH.

Der Name leitete sich von einem russischen Ausdruck ab, der sinngemäß „Tod den Spionen“ bedeutete.

Abakumow wurde ihr Leiter.

Damit erreichte seine Karriere einen neuen Höhepunkt.

SMERSCH arbeitete an der Front, hinter der Front und in befreiten Gebieten.

Die Agenten suchten nach deutschen Spionen.

Sie untersuchten Sabotage.

Sie überwachten Soldaten.

Und sie überprüften sowjetische Kriegsgefangene, die aus deutscher Gefangenschaft zurückkehrten.

Für viele dieser Männer war die Rückkehr nach Hause deshalb kein Ende der Angst.

Sie hatten jahrelang in deutscher Gefangenschaft überlebt.

Sie hatten Hunger erlebt.

Misshandlungen erlebt.

Krankheiten erlebt.

Und wenn sie endlich sowjetisches Gebiet erreichten, mussten sie erklären, warum sie überhaupt gefangen genommen worden waren.

Die Logik war brutal.

Wer gefangen genommen worden war, konnte sich ergeben haben.

Wer sich ergeben hatte, konnte Informationen preisgegeben haben.

Wer Informationen preisgegeben hatte, konnte Verrat begangen haben.

Und wer als verdächtig galt, musste untersucht werden.

Viele Rückkehrer wurden deshalb in sogenannte Filtrationslager gebracht.

Sie mussten ihre Geschichte erzählen.

Immer wieder.

Wo waren sie gefangen?

Mit wem hatten sie gesprochen?

Welche deutschen Einheiten hatten sie bewacht?

Was hatten sie gesehen?

Hatten sie für die Deutschen gearbeitet?

Hatten sie Informationen weitergegeben?

Die meisten waren einfache Soldaten, die nur überleben wollten.

Aber im Sicherheitsapparat konnte Überleben selbst zum Verdachtsmoment werden.

Abakumow beaufsichtigte diesen Apparat.

Er war einer der Männer, die entschieden, wie streng die Rückkehrer behandelt wurden.

Sein Name wurde mit der Angst verbunden, dass selbst die Heimkehr aus deutscher Gefangenschaft noch zu Gefängnis oder Lager führen konnte.

Doch während er öffentlich als loyaler Diener Stalins auftrat, begann sich hinter den Kulissen eine andere Seite seines Charakters zu zeigen.

Macht bedeutete für Abakumow nicht nur politische Kontrolle.

Sie bedeutete auch persönlichen Vorteil.

Während sowjetische Soldaten an der Front kämpften und Millionen Zivilisten unter dem Krieg litten, konnte ein hochrangiger Sicherheitsfunktionär auf beschlagnahmte Wohnungen und Güter zugreifen.

Nach den Angaben des Ausgangstextes übernahm Abakumow eine luxuriöse Wohnung in Moskau, nachdem ihr früherer Bewohner, ein bekannter Sänger, verhaftet worden war.

Die Logik war einfach.

Wenn der Staat einen Menschen zu seinem Feind erklärte, konnte auch dessen Eigentum verschwinden.

Wohnung.

Möbel.

Kleidung.

Kunst.

Wertgegenstände.

Und während aus Deutschland Eisenbahnzüge mit erbeuteten Gegenständen in die Sowjetunion zurückkehrten, fanden manche dieser Dinge ihren Weg in die Wohnungen hochrangiger Funktionäre.

Abakumow war damit Teil einer Elite, die von der Macht profitierte, die sie gleichzeitig für Repression einsetzte.

Sein Einfluss wuchs weiter.

Und 1946 machte Stalin den nächsten Schritt.

Abakumow wurde Minister für Staatssicherheit.

Er gehörte nun zu den mächtigsten Männern der sowjetischen Sicherheitsstrukturen.

Er war verantwortlich für einen Apparat, der politische Gegner, vermeintliche Spione, Ausländer und angebliche Verräter überwachte.

Menschen konnten verschwinden, ohne dass ihre Familien genau erfuhren, wohin.

Ein Verdacht konnte eine Karriere beenden.

Eine Aussage konnte einen Menschen ins Gefängnis bringen.

Und ein unterschriebenes Dokument konnte über Jahre Freiheit entscheiden.

Abakumow war jetzt nicht mehr nur ein Funktionär.

Er war selbst Teil der politischen Elite.

Doch genau hier begann die Ironie seiner Geschichte.

Je höher er stieg, desto mehr Menschen fürchtete er.

Denn in Stalins System bedeutete Macht nicht Sicherheit.

Ganz im Gegenteil.

Wer viel wusste, konnte gefährlich werden.

Wer viele Feinde hatte, konnte selbst zum Ziel werden.

Und wer Stalin diente, musste jederzeit damit rechnen, dass der Herrscher ihn eines Tages ebenfalls als Feind betrachten würde.


Nach dem Krieg begann Stalin, neue Gegner zu suchen.

Eine der großen politischen Kampagnen dieser Jahre war die sogenannte Leningrader Affäre.

Leningrad hatte während der deutschen Belagerung einen besonderen Status erhalten. Die Stadt hatte enorme Opfer gebracht. Ihre Führung hatte während der Blockade an Ansehen gewonnen. Einige Funktionäre aus Leningrad besaßen dadurch politische Bedeutung, die Moskau misstrauisch machte.

Abakumows Sicherheitsapparat wurde eingesetzt.

Nikolai Wosnessenski.

Alexei Kusnezow.

Weitere Funktionäre.

Ihre Familien.

Mitarbeiter.

Unterstützer.

Viele gerieten in die Untersuchungen.

Die Vorwürfe waren politisch.

Es ging um angebliche Abweichungen.

Um Machtmissbrauch.

Um Verschwörung.

Um die Frage, ob Leningrad eine zu große Eigenständigkeit entwickelt hatte.

In einem normalen politischen System wären solche Konflikte vielleicht durch Debatten oder Wahlen entschieden worden.

In Stalins Sowjetunion wurden sie durch den Sicherheitsapparat entschieden.

Verhaftung.

Verhör.

Geständnis.

Urteil.

Tod.

Abakumow sorgte dafür, dass der Apparat funktionierte.

Menschen wurden unter Druck gesetzt.

Aussagen wurden erzwungen.

Die Ermittlungen weiteten sich aus.

Auch Intellektuelle, Wissenschaftler und andere Personen gerieten in Gefahr.

Die Zahl der Betroffenen ging weit über die ursprünglichen Zielpersonen hinaus.

Das System hatte eine eigene Dynamik entwickelt.

Wenn ein Verdächtiger einen Namen nannte, musste auch diese Person untersucht werden.

Wenn ein Dokument einen weiteren Namen enthielt, begann die nächste Untersuchung.

So entstand ein Netz, das immer größer wurde.

Und Abakumow saß an einem der zentralen Knotenpunkte.


Dann nahm Stalins Misstrauen eine neue Richtung.

Nach dem Krieg verstärkte sich die antisemitische Repression.

Jüdische Intellektuelle, Wissenschaftler und Funktionäre gerieten unter Verdacht.

Der Staat sprach von Zionismus.

Von ausländischen Verbindungen.

Von Loyalität gegenüber anderen Staaten.

Die jüdische Kultur wurde zunehmend kontrolliert.

Menschen, die während des Krieges für die Sowjetunion gearbeitet hatten, konnten plötzlich als verdächtig gelten.

Das Jüdische Antifaschistische Komitee, das während des Krieges internationale Unterstützung für die Sowjetunion mobilisiert hatte, geriet ins Visier.

Mitglieder wurden verhaftet.

Verhöre begannen.

Und Abakumow war Teil dieser Repressionsmaschine.

Eine der Personen, die in diesem Zusammenhang verhört wurde, war die bedeutende Wissenschaftlerin Lina Stern.

Sie war eine hoch angesehene Akademikerin.

Eine Frau, die wissenschaftlich weit über die Grenzen der Sowjetunion hinaus bekannt war.

Doch selbst ihr Ruf schützte sie nicht.

Abakumow beschuldigte sie des Zionismus und konfrontierte sie mit Vorwürfen, die sie zurückwies.

Stern blieb ruhig.

In einem System, das auf Angst beruhte, war Ruhe selbst eine Form von Widerstand.

Sie ließ sich nicht einschüchtern.

Und genau diese Haltung machte den Kontrast sichtbar.

Auf der einen Seite stand ein Minister, der über Gefängnisse und Verhöre verfügte.

Auf der anderen eine Wissenschaftlerin, die nur noch ihre Stimme und ihren Verstand besaß.

Sie überlebte.

Viele andere nicht.

Im Januar 1949 wurde das Jüdische Antifaschistische Komitee zerschlagen.

Menschen wurden verhaftet.

Einige wurden zum Tode verurteilt.

Andere verschwanden in Haft oder Verbannung.

Die Kampagne zeigte erneut, wie weit Abakumows Macht reichte.

Doch während er andere beschuldigte, begann innerhalb des Sicherheitsapparats selbst ein Kampf um Einfluss.

Und dieser Kampf würde sein Leben zerstören.


Im Hintergrund entwickelte sich die sogenannte Ärzteverschwörung.

Die sowjetische Führung beschuldigte eine Gruppe jüdischer Ärzte, prominente sowjetische Funktionäre medizinisch ermordet oder einen solchen Mord geplant zu haben.

Die Vorwürfe waren schwerwiegend.

Aber die Grundlage der Ermittlungen beruhte erneut auf einem System, in dem Geständnisse unter Druck gewonnen wurden.

Einer der Ärzte war Jakow Etinger.

Er wurde verhört.

Die Verhöre waren hart.

Er starb am 2. März 1951 in Haft.

Sein Tod sollte für Abakumow zum Wendepunkt werden.

Ein junger Ermittler namens Michail Rjumin war mit den Untersuchungen verbunden.

Rjumin wollte seine eigene Position sichern.

Er behauptete, Etinger habe gestanden, den früheren Leiter der Moskauer Parteiorganisation, Alexander Schtscherbakow, ermordet zu haben.

Abakumow hielt diese Anschuldigung für Unsinn.

Doch Rjumin gab nicht nach.

Er schrieb direkt an Stalin.

Er behauptete, Abakumow decke eine Verschwörung.

Und dann geschah etwas, das in Stalins System jederzeit möglich war.

Stalin glaubte nicht seinem Minister.

Er glaubte dem Anschuldigenden.

Plötzlich wurde der Mann, der jahrelang andere der Verschwörung beschuldigt hatte, selbst zum Verdächtigen.

Abakumow wusste nun, dass sein Schutz verschwunden war.

Denn wenn Stalin einen Mann fallen ließ, konnte keine Position ihn retten.

Keine Auszeichnung.

Kein Amt.

Keine frühere Loyalität.

Nichts.

Am 11. Juli 1951 wurde Abakumow seines Postens enthoben.

Am folgenden Tag wurde er verhaftet.

Die Tür, die er jahrelang hinter anderen hatte schließen lassen, schloss sich nun hinter ihm.

Und zum ersten Mal in seinem Leben saß Viktor Abakumow auf der anderen Seite des Verhörraums.

FORTSETZUNG IN TEIL 2