Ich stieg an einem spätsommerlichen Dienstag im August 2022 in Eppingen in ein schwarzes Mercedes-Coupé, weil mir eine Fremde auf Instagram eine kostenlose Laserbehandlung versprochen hatte. Ich…

Ich stieg an einem spätsommerlichen Dienstag im August 2022 in Eppingen in ein schwarzes Mercedes-Coupé, weil mir eine Fremde auf Instagram eine kostenlose Laserbehandlung versprochen hatte. Ich...

Es ist der 16. August 2022, ein spätsommerlicher Dienstag in Baden-Württemberg. Die Hitze des Tages hängt noch in den Straßen, die Schatten werden länger. In Eppingen, einer Kleinstadt zwischen Heilbronn und Karlsruhe, macht sich eine junge Frau fertig.

Thumbnail

Sie ist 23 Jahre alt, arbeitet als Kellnerin, hat heute Feierabend und einen Termin. Jemand hat ihr auf Instagram geschrieben. Eine Frau behauptet, ein Kosmetikstudio zu eröffnen, und bietet eine kostenlose Laserbehandlung an. Im Gegenzug soll die junge Frau auf ihrem Instagram-Kanal Werbung machen.

Ein normales Angebot, so normal wie das Internet im Jahr 2022 eben ist. Eine Nachricht von einer Fremden, ein Angebot, das zu gut klingt, um wahr zu sein, aber nicht zu gut, um es nicht wenigstens zu versuchen. Die junge Frau hat ein mulmiges Gefühl. Sie schickt ihrem Freund ihren Live-Standort, sicherheitshalber, weil man das eben tut, wenn man jemanden trifft, den man nicht kennt.

Weil man das tut, wenn irgendwo im Hinterkopf ein leises Signal blinkt: Sei vorsichtig. Aber sie geht trotzdem, weil sie 23 ist, weil sie an das Gute in den Menschen glaubt, weil sie ihr ganzes Leben lang Kämpferin war und weil Kämpferinnen nicht zu Hause bleiben, wenn die Welt ihnen etwas anbietet. Um 18:47 Uhr steigt sie in ein schwarzes Mercedes-Coupé, auf den Beifahrersitz neben einer Frau, die sie noch nie gesehen hat, und einem Mann auf der Rückbank. Zwanzig Minuten später hält das Auto in einem Waldgebiet zwischen Massenbachhausen und Bad Rappenau, ein paar Kilometer von ihrem Zuhause entfernt.

Ein Ort, den sie vielleicht kennt, vielleicht auch nicht. Es spielt keine Rolle mehr, denn in diesem Wald passiert etwas, das kein Mensch verdient und aus dem es kein Zurück gibt. Ihr Name ist Khadija. Sie ist 23 Jahre alt.

Kellnerin, Beauty-Bloggerin, Träumerin, Kämpferin. Sie wird diese Nacht nicht überleben. Nicht, weil sie etwas falsch gemacht hat, nicht weil sie jemandem etwas schuldig war, sondern weil sie einer Frau ähnlich sah, die beschlossen hatte zu verschwinden und die davor jemanden brauchte, der an ihrer Stelle stirbt. 56 Messerstiche, ein Schlagring, ein Wald bei Dämmerung und eine Instagram-Nachricht, die wie eine Chance aussah und ein Todesurteil war.

Das letzte, was die Welt von Khadija sah, war ihr Feierabend im Café Schümli in Heilbronn. Ihre beste Freundin Leila arbeitet dort mit ihr. Die beiden verabschieden sich bis morgen. Ganz normal.

Ein Wort, das man sagt, ohne darüber nachzudenken, weil man davon ausgeht, dass es ein Morgen gibt. Aber Khadija ist ein Mensch, der einfach verschwindet. Sie meldet sich immer bei Leila, bei ihrem Freund, bei den Menschen, die sie liebt. Als Leila am nächsten Tag nichts von ihr hört, weiß sie sofort, dass etwas nicht stimmt.

Sie geht zur Kriminalpolizei und gibt eine Vermisstenanzeige auf. Noch am selben Tag, aber zu diesem Zeitpunkt ist Khadija bereits tot. Ihr Körper liegt auf der Rückbank eines schwarzen Mercedes-Coupés in Ingolstadt, 200 Kilometer entfernt. Und die Polizei glaubt, die Tote sei eine andere Frau.

Die Besitzerin des Autos, eine junge Deutsch-Irakerin namens Schabah, deren eigene Eltern die Leiche gefunden und als ihre Tochter identifiziert haben. 24 Stunden lang glaubt die Welt, Schabah sei tot. 24 Stunden lang ist Khadija namenlos. 24 Stunden lang trauern die falschen Eltern um die falsche Tochter.

Und dann dreht sich alles um. Diese Geschichte ist verstörender als die meisten Geschichten, die man hört. Denn in diesem Fall wurde eine junge Frau nicht aus Eifersucht getötet, nicht aus Hass, nicht aus Rache, sondern weil sie ein Gesicht hatte. Das falsche Gesicht.

Ein Gesicht, das einem anderen Gesicht zu ähnlich sah. Khadija wurde getötet, weil sie existierte, weil sie auf Instagram ein Foto gepostet hat, das jemand anderem ähnelte, weil ein Algorithmus oder ein menschliches Auge entschieden hat: Die sieht aus wie ich. Die kann sterben, damit ich verschwinden kann. Khadija kommt aus Oran, einer Küstenstadt am Mittelmeer im Westen Algeriens, einer Metropole mit fast 700.

000 Einwohnern. Weiße Häuser, blaues Meer, ein Hafen, der nach Salz und Fisch riecht. Eine Stadt, die schön ist, laut und lebendig. Irgendwann kommt Khadija nach Deutschland.

Sie wächst eine Zeit lang im Albert-Schweitzer-Kinderdorf in Waldenburg auf, im Hohenlohekreis. Dort lernt sie Leila kennen, ihre beste Freundin, die Frau, die später sagen wird: Wir haben uns nicht ohne Grund gefunden. Wir haben uns gesagt, wir sind nicht die Opfer unserer eigenen Geschichte. Zwei junge Frauen, die sich in einem Kinderdorf finden, die beschließen, sich nicht unterkriegen zu lassen, die schwören, immer aufeinander aufzupassen.

Sie lernten, wie wichtig es ist, Dinge auszusprechen, und suchten ihren Weg. Khadija hat Gewalterfahrungen gemacht und schlimme Dinge erlebt. Nicht alles davon habe sie verarbeiten können. Sie habe depressive Phasen gehabt, sich zurückgezogen, aber sie sei eine Kämpferin gewesen.

Immer. Khadija zieht von Waldenburg nach Leingarten, später nach Eppingen in die Johannes-Kleinheins-Straße. Sie findet Arbeit als Kellnerin im Café Schümli in Heilbronn. Sie ist sprachbegabt, will Dolmetscherin werden, heiraten, Kinder bekommen.

Sie hat Pläne, sie lebt. Sie hat einen Instagram-Account, wie Millionen andere junge Frauen auch. Sie postet Bilder, Beauty-Tipps, Selfies. Das normale Leben, das, was junge Frauen im Jahr 2022 tun, das, was niemand für gefährlich hält.

Aber für Khadija wird genau dieser Account zum Verhängnis. Irgendwo in Ingolstadt, 300 Kilometer entfernt, scrollt eine Frau durch Instagram. Sie sucht nicht nach Beauty-Tipps. Sie sucht nach einem Gesicht, das ihrem ähnlich sieht.

Nach einer Frau zwischen 20 und 30 Jahren, etwa 1,60 bis 1,70 Meter groß, keine Tattoos, dunkle Haare. Und sie findet Khadija. Khadija war zum Zeitpunkt ihres Todes 23 Jahre alt. Sie hatte lange dunkle Haare und ein offenes, warmes Gesicht.

Auf den Fotos, die ihre Freunde geteilt haben, sieht man eine junge Frau, die lächelt, die lebt, die Pläne hat. Ihre beste Freundin Leila beschreibt sie so: Sie war herzlich und wunderschön. In allem hat sie etwas Positives gefunden. Wenn sie jemanden kennenlernte, über den sie schon Schlechtes gehört hatte, sagte Khadija: Gib dem eine Chance.

Wir sind im Hier und Jetzt, nicht in der Vergangenheit. Ihr Chef im Café Schümli sagt schlicht: Khadija war ein toller Mensch. Das sind keine Floskeln. Das sind die Worte von Menschen, die sie kannten, die sie vermissen, die jeden Tag spüren, dass sie fehlt.

Dieser Mord war kein Zufall. Er war kein Streit, der eskaliert ist. Er war keine Beziehungstat, keine Eifersucht, kein Affekt. Dieser Mord war geplant.

Über Wochen, über Monate, systematisch. Im Frühjahr 2022 hat eine junge Frau in Ingolstadt ein Problem. Schabah, so ihr Name, ihre Ehe ist zerbrochen. Ihr nach religiösem Brauch angetrauter Mann hat sich von ihr getrennt, und ihre Familie, Jesiden aus dem Nordirak, übt Druck auf sie aus.

Der Konflikt eskaliert. Schabah sieht keinen Ausweg. Sie will verschwinden, ein neues Leben beginnen, unter einer neuen Identität. Aber um zu verschwinden, muss man tot sein, oder zumindest für tot gehalten werden.

So fasst Schabah einen Plan, der so kaltblütig ist, dass selbst erfahrene Ermittler später sagen werden: Wir hatten keinen Fall wie diesen. Vor allem nicht mit einer solchen Wendung. Sie sucht auf Instagram nach Frauen, die ihr ähnlich sehen. Sie schreibt mindestens 24 Frauen an.

Sie macht Komplimente, baut Vertrauen auf. Sie lockt mit kostenlosen Beauty-Behandlungen und dem Versprechen, in einem Musikvideo mitzuspielen. Einige Frauen lehnen ab, einige sind misstrauisch. Eine fragt sogar bei der Rapperin Lune direkt nach und bekommt die Antwort: Alles Fake, geh nicht hin.

Aber Khadija bekommt eine andere Nachricht, von einem anderen Fake-Account. Diesmal das Angebot einer kostenlosen Laserbehandlung in einem Kosmetikstudio, das gar nicht existiert, in Ravenstein im Neckar-Odenwald-Kreis. Khadija sagt zu. Gleichzeitig sucht Schabah nach jemandem, der bereit ist, für sie zu töten.

Sie fragt verschiedene Männer in ihrem Bekanntenkreis. Einer lehnt ab, ein anderer nimmt es nicht ernst. Dann trifft sie auf Schik, einen jungen Mann aus dem Kosovo. Er sagt ja.

In der Nacht vor der Tat schreibt Schabah ihm eine Nachricht: Morgen haben wir viel zu erledigen, Alter. Ich freue mich auf morgen. Eine Frau schreibt einem Mann, der am nächsten Tag einen Menschen töten soll, eine Nachricht, in der sie sich freut. Wie auf einen Ausflug, wie auf ein Abenteuer, wie auf etwas Schönes, das bevorsteht.

Am 16. August 2022 hat Khadija nachmittags Feierabend im Café Schümli. Sie verabschiedet sich von Leila. Bis morgen.

Dann geht sie nach Hause. Sie erzählt ihrem Freund, sie habe einen Termin für eine Kosmetikbehandlung. Einer Freundin sagt sie dasselbe. Sie schickt ihrem Freund ihren Live-Standort über das Handy, weil sie ein mulmiges Gefühl hat, weil irgendetwas in ihr sagt: Pass auf.

Um 18:44 Uhr fährt ein schwarzes Mercedes-Coupé in Eppingen vor. Am Steuer sitzt Schabah, auf der Rückbank Schik. Sie haben die 300 Kilometer von Ingolstadt nach Eppingen zurückgelegt, nur für diesen Moment, nur für Khadija. Um 18:47 Uhr steigt Khadija ein, auf die Beifahrerseite.

Sie kennt die beiden nicht, aber sie glaubt an das Kosmetikstudio, an die Laserbehandlung, an das Angebot, das über Instagram kam. Das Auto fährt los, Richtung Norden, weg von Eppingen, in Richtung Massenbachhausen. Um 19:07 Uhr, nach zwanzig Minuten Fahrt, hält das Auto im Waldgebiet Stöckach zwischen Massenbachhausen und Bad Rappenau. Ein abgelegener Ort, still, kein Mensch in der Nähe.

Unter einem Vorwand wird Khadija dazu gebracht, aus dem Auto zu steigen. Was genau gesagt wird, wissen wir nicht. Wir wissen nur, was danach passiert. Schik schlägt Khadija mit einem Schlagring von hinten auf den Kopf.

Sie fällt zu Boden, und dann kommen die Messerstiche. 47 Stiche in den Kopf, in das Gesicht, in die Brust, in die Seite. 47 Mal in einem Wald, wenige Kilometer von dem Ort entfernt, den Khadija ihr Zuhause nannte. Khadijas Körper wird auf die Rückbank des Mercedes gelegt, aber sie lebt noch.

Schwer verletzt, aber sie lebt. Um 19:28 Uhr hält das Auto auf dem Parkdeck eines Kaufland-Supermarktes in Bad Rappenau. Neun Minuten lang auf einem Parkplatz neben Familienautos und Einkaufswagen und Menschen, die gerade ihre Wocheneinkäufe erledigen. Und auf der Rückbank des schwarzen Mercedes stirbt Khadija mit neun weiteren Messerstichen.

56 Messerstiche insgesamt, um ein Gesicht unkenntlich zu machen, um sicherzugehen, dass niemand erkennt, dass die Tote nicht Schabah ist, sondern jemand anders. Jemand, der 23 Jahre alt war und Träume hatte und an diesem Morgen noch im Café Schümli Kaffee serviert hat. Das Auto fährt weiter, 300 Kilometer zurück nach Ingolstadt, mit Khadijas Körper auf der Rückbank. Die beiden parken den Mercedes vor der ehemaligen Wohnung von Schabah.

Dort, wo ihre Eltern ihn finden werden. Dort, wo die Inszenierung ihren Höhepunkt erreichen soll. Der ursprüngliche Plan sah vor, das Auto mit samt Leiche in Brand zu stecken, aber dazu kommt es nicht. Die Eltern kommen früher als erwartet.

Sie suchen nach ihrer Tochter, finden den Mercedes, sehen den Körper auf der Rückbank. Das Gesicht ist entstellt, unkenntlich. Und sie tun, was jede Mutter, jeder Vater tun würde. Sie erkennen ihre Tochter, weil es ihr Auto ist, weil der Körper ihr ähnlich sieht, weil es nicht sein kann, dass jemand anders in diesem Auto liegt.

Kurz vor Mitternacht stellt eine Notärztin den Tod fest. Die Polizei nimmt die Ermittlungen auf. Die Nachricht verbreitet sich. Eine junge Deutsch-Irakerin wurde in ihrem eigenen Auto in Ingolstadt getötet, ein Gewaltverbrechen.

Die Polizei sucht nach dem Täter. 24 Stunden lang glaubt die gesamte Ermittlungsmaschinerie, das Opfer sei Schabah. 24 Stunden lang hat Khadija keinen Namen. 24 Stunden lang trauern die falschen Eltern.

Und dann kommt die Wende. Am nächsten Tag tauchen Bilder einer Überwachungskamera vor einer Pizzeria in Ingolstadt auf. Auf diesen Bildern ist eine Frau zu sehen. Weinend, aufgelöst, aber lebendig.

Es ist Schabah. Die Frau, die tot sein sollte, lebt. Die Frau, die auf der Rückbank ihres eigenen Autos lag, steht vor einer Pizzeria und weint. Gleichzeitig erkennt ein Bekannter von Schabah sie auf der Straße und alarmiert die Polizei.

Die Obduktion bringt die Bestätigung: Die DNA der Toten stimmt nicht mit Schabah überein. Die Tote ist jemand anders. Die Tote ist Khadija aus Eppingen, 23 Jahre alt, Algerierin, Beauty-Bloggerin, Kellnerin, Kämpferin. Am 17.

August, einen Tag nach der Tat, nimmt die Polizei Schabah und Schik fest. Beide sitzen seitdem in Untersuchungshaft. Es gibt Dinge in diesem Fall, die man nicht vergessen kann. Erstens: Schabah hat mindestens 24 Frauen angeschrieben, die ihr ähnlich sahen.

23 andere Frauen hätten an Khadijas Stelle sterben können. 23 andere Leben, die nur durch Zufall verschont blieben, weil sie das Angebot ablehnten, weil sie misstrauisch waren, weil sie nicht antworteten. Khadija hat geantwortet, und das hat sie das Leben gekostet. Nicht weil sie leichtsinnig war, sondern weil sie an das Gute in den Menschen glaubte, weil sie eine Chance sah, wo keine war.

Zweitens: Khadija hat ihrem Freund ihren Live-Standort geschickt. Sie hatte ein ungutes Gefühl, sie hat darauf gehört, aber sie ist trotzdem gegangen. Dieser Widerspruch ist so menschlich, dass er weh tut, denn wir alle kennen das. Dieses Gefühl, das sagt, etwas stimmt nicht, und dann die Stimme, die antwortet: Du übertreibst, es wird schon nichts sein.

Drittens: Das Gesicht des Opfers wurde gezielt entstellt. 56 Messerstiche, viele davon im Gesicht und am Kopf. Nicht aus Wut, nicht im Affekt, sondern um sicherzugehen, dass das Opfer nicht erkannt wird, dass die Polizei glaubt, es sei Schabah. Das ist keine Gewalttat, das ist kalkuliert, kalt, präzise, unmenschlich.

Viertens: Khadija war nach dem Angriff im Wald noch am Leben. Schwer verletzt, aber lebendig. Und die beiden Täter halten auf dem Parkdeck eines Supermarktes, zwischen Einkaufswagen und Familienautos, und dort wird Khadija mit neun weiteren Stichen getötet. Auf einem Parkplatz, auf dem andere Menschen ihre Einkaufstaschen ins Auto laden.

Niemand hat etwas bemerkt. Fünftens: Die Nachricht. Morgen haben wir viel zu erledigen, Alter, ich freue mich auf morgen. Geschrieben in der Nacht vor dem Mord von einer Frau, die weiß, dass am nächsten Tag ein Mensch sterben wird, die sich darauf freut, die es erledigen nennt, als wäre es ein Einkauf, ein Termin, eine Aufgabe auf einer Liste.

Sechstens: Schabah wollte nicht nur ihren eigenen Tod vortäuschen. Sie hatte zuvor auch einen Mann beauftragt, ihren Schwager zu töten, für 10. 000 Euro. 5.

000 hatte sie schon bezahlt. Der Beauftragte ging nur zum Schein darauf ein. Der Schwager überlebte. Aber Schabah wurde auch dafür verurteilt wegen versuchter Anstiftung zum Mord, zusätzlich zum Mord an Khadija.

Der Prozess vor dem Landgericht Ingolstadt begann am 16. Januar 2024. 192 Zeugen waren geladen, 53 Verhandlungstage, fast ein Jahr lang. Schabah brach irgendwann ihr Schweigen und behauptete, sie sei zwar dabei gewesen, habe aber nichts getan.

Schik habe alles allein getan, sie habe ihn sogar davon abhalten wollen. Das Gericht glaubte ihr nicht. Es sagte: Das ist in allen Punkten widerlegt. Schik schwieg während des gesamten Prozesses.

Kein einziges Wort zu seinem Motiv. Aber gegenüber Freunden soll er nach der Tat gesagt haben: Wegen dieser Frau habe ich ein unschuldiges Mädchen getötet. Am 19. Dezember 2024 sprach das Landgericht Ingolstadt das Urteil.

Lebenslange Haft für beide, für Schabah zusätzlich die Feststellung der besonderen Schwere der Schuld. Das bedeutet, eine vorzeitige Entlassung nach 15 Jahren ist praktisch ausgeschlossen. Der vorsitzende Richter Konrad Kliege sagte, es handle sich um eine verstörende Tat, und er kritisierte die Verteidigung, die durch zahlreiche Anträge den Prozess auf 53 Verhandlungstage in die Länge gezogen habe. Er nannte es Prozessverschleppung.

Ein Jahr Verhandlung, in dem Khadijas Vater jede Woche im Gerichtssaal saß und zuhören musste, wie die Anwälte der Täterin behaupteten, alles sei ganz anders gewesen. Im September 2025 bestätigte der Bundesgerichtshof das Urteil rechtskräftig. Leila, Khadijas beste Freundin, die Frau, die mit ihr im Kinderdorf aufgewachsen ist, die mit ihr geschworen hat, aufeinander aufzupassen, die mit ihr im Café Schümli gearbeitet hat, die sich am Abend des 16. August von ihr verabschiedet hat mit bis morgen und die am nächsten Morgen nichts von ihr gehört hat, die zur Polizei gegangen ist, eine Vermisstenanzeige aufgegeben hat und die dann erfahren hat, dass ihre beste Freundin tot ist.

Leila sagt: Wir waren endlich angekommen. Wir waren erwachsene Frauen, und dann war Khadija weg. Nicht, weil sie weggegangen ist, nicht weil sie verschwunden ist, sondern weil jemand sie gebraucht hat als Körper, als Requisite, als Werkzeug in einem Plan, der so menschenverachtend ist, dass man ihn nicht glauben will. Da ist ein Vater, der fast ein Jahr lang im Gerichtssaal saß, der zuhören musste, wie die Verteidigung bezweifelte, dass seine Tochter wegen ihrer Ähnlichkeit getötet wurde, der aushalten musste, dass die Täterin behauptete, sie habe nichts getan.

Der warten musste, 53 Verhandlungstage lang, bis das Gericht das sagte, was er längst wusste: Sie haben meine Tochter ermordet. Da ist ein Freund, der Mann, dem Khadija am Abend ihres Todes den Live-Standort geschickt hat, der wusste, wo sie war, und der trotzdem nichts tun konnte, weil der Standort in einem Wald endete, weil 20 Minuten reichen, um einen Menschen zu töten, weil ein Live-Standort kein Schutzschild ist. Da sind Kolleginnen im Café Schümli, die sich geweigert haben, mit Journalisten zu sprechen, die gesagt haben, der Medienrummel sei ihnen zu viel, die aber auch gesagt haben: Khadija war ein toller Mensch. Ein Satz, und in diesem Satz steckt mehr Trauer als in jedem Zeitungsartikel, der über diesen Fall geschrieben wurde.

Die Wunde heilt nicht, wenn man nicht weiß, was die Wunde verursacht hat. Khadijas Familie und Freunde wissen jetzt, was passiert ist. Das Gericht hat es festgestellt, aber das Wissen macht es nicht besser. Es macht es nur konkreter.

Es gibt dem Leid einen Namen, aber es füllt es nicht. Eppingen liegt immer noch da, wo es immer lag, zwischen Heilbronn und Karlsruhe. Die Johannes-Kleinheins-Straße ist immer noch eine ruhige Straße. Das Café Schümli in Heilbronn serviert immer noch Kaffee.

Das Waldgebiet Stöckach bei Fürfeld liegt immer noch still zwischen den Feldern, als wäre nichts geschehen. Aber etwas ist geschehen. An einem Augustabend im Jahr 2022 hat eine junge Frau eine Nachricht auf Instagram beantwortet. Eine Nachricht, die nach einer Chance aussah, nach einem kostenlosen Termin, nach etwas Kleinem, Harmlosem, Alltäglichem.

Und diese Nachricht hat sie das Leben gekostet. Wir leben in einer Welt, in der eine Nachricht von einer Fremden normal ist, in der Angebote im Internet zum Alltag gehören, in der wir jeden Tag Entscheidungen treffen, die wir für belanglos halten. Antworten oder nicht antworten, einsteigen oder nicht einsteigen, vertrauen oder misstrauen. Khadija hat vertraut, nicht weil sie naiv war, sondern weil sie ein Mensch war, der an das Gute glaubte, der sagte: Gib dem eine Chance.

Wir sind im Hier und Jetzt. Und genau diese Eigenschaft, die sie zu einem besonderen Menschen gemacht hat, wurde ihr zum Verhängnis. Es gibt keine Lektion in diesem Fall, die irgendetwas besser macht. Es gibt nur eine junge Frau, die nicht mehr da ist, und eine Welt, die sich fragen muss, wie es so weit kommen konnte.

Khadija, 23 Jahre alt, aus Oran, Algerien, aus Eppingen, Baden-Württemberg. Kellnerin, Beauty-Bloggerin, Kämpferin, Träumerin. Die Frau, die Dolmetscherin werden wollte, die heiraten wollte, die Kinder haben wollte, die in allem etwas Positives fand. Getötet am 16.

August 2022 in einem Wald bei Fürfeld, weil sie ein Gesicht hatte, das einem anderen Gesicht ähnlich sah. Für immer 23. An der Stelle im Waldgebiet Stöckach, an der Khadija getötet wurde, liegen Blumen und Kerzen.

Menschen aus der Gegend haben sie dorthin gelegt, für eine junge Frau, die sie nicht kannten, die sie aber nicht vergessen wollen.