Am 14. Oktober 1944 stand ein alternder Feldmarschall in seinem Haus in Herrlingen und wusste, dass dieser Tag sein letzter sein würde. Zwei Generäle aus Hitlers Hauptquartier waren gekommen, um ihn anzuklagen. Draußen warteten SS-Männer vor dem Haus.

Erwin Rommel hatte den Krieg verloren gesehen, lange bevor die Alliierten in der Normandie landeten. Er hatte Hitler ins Gesicht gesagt, dass der Krieg militärisch nicht mehr zu gewinnen sei, und ihm vorgeworfen, die Front in Stich zu lassen. Hitler hatte ihn kalt abblitzen lassen und ihm jede weitere Kritik verboten. Doch das Attentat vom 20.
Juli 1944 hatte alles verändert. Oberst Stauffenberg hatte eine Bombe in Hitlers Lagebesprechungsraum geschmuggelt, doch die Explosion verfehlte ihr Ziel. Hitler überlebte und begann eine gnadenlose Jagd auf alle, die mit den Verschwörern in Verbindung standen. Rommel selbst war nicht Teil der konkreten Planung gewesen.
Er hatte Verbindungen zu den Verschwörern, wusste von ihren Ideen, doch er hatte sich geweigert, einem Attentat zuzustimmen. Er wollte Hitler vor Gericht stellen, nicht ermorden. Das erzählten seine Freunde später. Doch die Gestapo interessierte das nicht.
Am 14. Oktober 1944 standen die Generäle Burgdorf und Maisel vor ihm und stellten ihn vor eine Wahl. Entweder er nahm Gift und seine Familie blieb verschont, sein Ruf blieb gewahrt und es gab ein Staatsbegräbnis – oder er stellte sich dem Volksgerichtshof, wo er öffentlich gedemütigt und hingerichtet würde. Rommel wählte das Gift.
Er verabschiedete sich von seiner Frau Lucia und seinem Sohn Manfred und stieg in den Wagen, der ihn aus dem Dorf bringen sollte. Kurz danach wurde er tot ins Krankenhaus gebracht. Offiziell hieß es: Er sei an den Folgen seiner Verletzungen gestorben, die er bei einem britischen Fliegerangriff in Frankreich erlitten hatte. Doch das war eine Lüge des Nazi-Regimes.
Rommel hatte sich selbst getötet, um seine Familie zu schützen. Sein Leben war eine Geschichte voller Widersprüche. Geboren 1891 in Württemberg als Sohn eines Artillerieleutnants, trat er 1910 in die Armee ein. Im Ersten Weltkrieg kämpfte er in Frankreich und Italien und erwies sich als mutiger und erfinderischer Offizier.
Er durchbrach feindliche Linien, überraschte den Gegner durch schnelle Bewegungen und wurde für seine Erfolge ausgezeichnet. 1918 wurde er Hauptmann. Nach dem Krieg half er, kommunistische Aufstände niederzuschlagen, setzte dabei aber auf Verhandlungen statt auf Blutvergießen. In den 1920er und 1930er Jahren machte er Karriere als Ausbilder und Militärschriftsteller.
Sein Buch „Infanterie greift an“ wurde ein Bestseller – und landete auch auf dem Schreibtisch von Adolf Hitler. Als Hitler 1933 an die Macht kam, sah Rommel in ihm zunächst einen Retter Deutschlands. Er bewunderte die Wiederaufrüstung und den neuen Nationalstolz. Doch je länger der Krieg dauerte, desto mehr erkannte er, wohin Hitlers Weg führte.
Rommel kommandierte 1940 die 7. Panzerdivision in Frankreich und wurde durch seine Blitzkrieg-Taktik berühmt. Man nannte ihn den „Gespensterdivision“, weil seine Truppen so schnell vorrückten, dass niemand wusste, wo sie gerade waren. Danach schickte Hitler ihn nach Nordafrika, wo Rommel als „Wüstenfuchs“ zur Legende wurde.
Sein größter Triumph war die Schlacht von Gazala 1942, als seine Truppen den wichtigen Hafen Tobruk eroberten. Dafür wurde er zum jüngsten Generalfeldmarschall der deutschen Geschichte befördert. Doch seine Stärke war seine Schwäche: Er stieß mit begrenzten Nachschublinien tief in die Wüste vor und überforderte seine Truppen. Nach der Niederlage in der Schlacht von El-Alamein zog er sich zurück und wurde schließlich 1943 nach Frankreich versetzt, um den Atlantikwall zu verstärken.
Dort erlebte er die Landung der Alliierten in der Normandie am 6. Juni 1944. Die Verteidigung war nicht fertig, seine Vorbereitungen waren von Hitler oft ignoriert worden. Rommel selbst war an diesem Tag nicht einmal an der Front – er war nach Deutschland gefahren, um Hitlers Geburtstag zu feiern.
Doch die Verzweiflung über den Krieg wuchs. Immer mehr Offiziere sprachen über den Sturz Hitlers. Rommel war einer von ihnen, zumindest im Privaten. Doch als es um die entscheidende Frage ging – ob man Hitler töten dürfe –, zögerte er.
Er war kein entschlossener Verschwörer. Das machte ihn in den Augen der Gestapo dennoch verdächtig. Nach dem gescheiterten Attentat begannen die Verhaftungen. Einer der Verschwörer, die unter Folter Namen nannten, führte die Ermittler zu Rommel.
Hitler war über die Nachricht entsetzt. Sein Lieblingsgeneral, der Held der Wüste, sollte ein Verräter sein? Er wusste, dass ein öffentlicher Prozess gegen Rommel eine Katastrophe wäre. Ein Nationalheld, der vor Gericht zerpflückt wurde, hätte die Moral der Armee zerstören können.
Also wählte Hitler den Weg der stillen Beseitigung. Die Generäle Burgdorf und Maisel brachten Rommel die Nachricht in sein Haus. Sie gaben ihm Gift und versprachen, dass seine Familie verschont bleibe und er ein Staatsbegräbnis erhalte. Die Alternative: der Volksgerichtshof, die öffentliche Schande, die Hinrichtung.
Rommel nahm das Gift. Die Nazi-Propaganda verbreitete die Version, er sei an seinen Kriegsverletzungen gestorben. Hitler ordnete einen offiziellen Trauertag an. Doch Rommel wurde nicht in Berlin beigesetzt, wie er es sich gewünscht hatte, sondern still in Ulm.
Bis heute streiten Historiker darüber, wer Rommel wirklich war. Ein widerwilliger Mitläufer? Ein Karrierist, der die Augen vor den Verbrechen des Nazi-Regimes verschloss? Oder ein Mann, der im Grunde das Richtige wollte, aber zu zögerlich handelte?
Sicher ist: Rommel war nicht unschuldig im Sinne der NS-Verbrechen. Er wusste von der Verfolgung der Juden, auch wenn er nicht aktiv daran teilnahm. Er weigerte sich, einige verbrecherische Befehle auszuführen, doch er protestierte nicht gegen den Holocaust. Und er hatte Verbindungen zu einer geplanten Einsatzgruppe in Nordafrika, die Juden ermorden sollte – auch wenn unklar bleibt, wie viel er davon wusste.
Sein Mythos als „ritterlicher Wüstenfuchs“ hält sich bis heute. Doch die Wahrheit ist komplizierter. Er war ein brillanter Taktiker, ein mutiger Soldat – und zugleich ein Mann, der zu lange wegsah und zu spät handelte.
Am Ende bezahlte er dafür mit seinem Leben.


