Der 12. März 1938. Nazideutschland schluckt Österreich. Wien füllt sich mit Hakenkreuzen, und die Straßen verwandeln sich in einen einzigen gewalttätigen Ausbruch gegen die jüdische Bevölkerung.

Antisemitismus wird Staatspolitik. Wer Juden verfolgt, wird nicht bestraft, sondern belohnt. Die SS wächst rasant und bietet Männern Macht und Aufstieg – für die, die bereit sind, die rassische Ordnung des Regimes ohne Zurückhaltung durchzusetzen. Verfolgung wird zur Deportation, Deportation zum Massenmord.
Offiziere steigen nicht trotz ihrer Brutalität auf, sondern wegen ihr. Amon Leopold Göt wird am 11. Dezember 1908 in Wien geboren. Er wächst in einem bürgerlichen Haushalt auf, in dem ein Buch- und Kunstverlag das Einkommen sichert.
Materieller Komfort, aber wenig emotionale Wärme. Schon als Kind gerät er ständig mit Autoritäten aneinander. Disziplin ist ihm fremd. Nach dem Ersten Weltkrieg radikalisiert sich Wien zusehends.
Politische Gewalt beherrscht die Straßen. Göt zieht es zu deutschnationalen und antisemitischen Ideen. In seinen späten Teenagerjahren tritt er der Heimwehr bei, einer rechtsgerichteten nationalistischen Organisation. Doch auch das ist ihm nicht radikal genug.
Er will mehr. Um 1930 widmet er sich vollständig den Naziideen. Im September tritt er der österreichischen NSDP bei, kurz darauf der SS. Dort findet er ein Umfeld, das Aggression, Gehorsam und ideologischen Fanatismus belohnt.
Seine Bereitschaft zur Gewalt öffnet ihm Türen. Als die österreichische NSDP 1933 verboten wird, setzt er seine Arbeit illegal fort – von Deutschland aus. Er schmuggelt Waffen, Funkgeräte und Propagandamaterial nach Österreich, arbeitet als Kurier für die SS. Die österreichischen Behörden verhaften ihn, müssen ihn aber aus Mangel an Beweisen wieder freilassen.
Nach dem Anschluss kehrt er offen nach Wien zurück. Am 23. Oktober 1938 heiratet er Anna Geiger, die er bei einem Motorradrennen kennengelernt hat. Drei Kinder folgen: Peter, Werner und Ingeborg.
Eine Familie, die nach außen funktioniert. Das Privatleben bleibt jedoch hinter dem Ehrgeiz zurück. Der Zweite Weltkrieg beginnt am 1. September 1939 mit dem Überfall auf Polen.
Göt meldet sich freiwillig zur Waffen-SS. Ab 1940 wird er im besetzten Polen eingesetzt, zuerst in Oberschlesien, später im Generalgouvernement. Seine Aufgaben: jüdisches Eigentum beschlagnahmen, Zwangsumsiedlungen organisieren, Deportationen verwalten. Er arbeitet effizient.
Er ist gleichgültig gegenüber dem Leid, das er verursacht. Er macht Karriere. Im Sommer 1942 wird er nach Lublin versetzt und dem Stab von Odilo Globotschnik zugeteilt – dem SS- und Polizeiführer, der für die Aktion Reinhard verantwortlich ist. In den Vernichtungslagern Belzec, Sobibor und Treblinka werden Millionen Juden ermordet.
Göt beteiligt sich an der Organisation der Razzien und Transporte zu diesen Tötungszentren. Anfang 1943 erhält er den Befehl, den Bau eines neuen Konzentrationslagers bei Krakau zu überwachen. Plaszow soll ein Arbeitslager werden. Göt übernimmt die Kontrolle.
Es geht nicht nur um den Bau. Es geht um die vollständige Kontrolle über tausende Häftlinge. Er richtet seinen Wohnsitz direkt neben dem Lager ein. Von seinem Balkon aus beobachtet er das Geschehen.
Er will nichts verpassen. Die Zahl der Häftlinge wächst schnell. Aus dem Arbeitslager wird ein Konzentrationslager. Göt regiert mit absoluter Brutalität.
Er verprügelt Häftlinge eigenhändig, erschießt sie ohne Vorwarnung. Er nennt es „Arbeit machen“, wenn er Gefangene tötet. Täglich werden Juden auf dem Appellplatz exekutiert. Die Gefangenen leben in Angst, dass ihre letzte Stunde gekommen ist – willkürlich, ohne Grund, einfach so.
Göt scheint keine Grenzen zu kennen. Seine Geliebte Ruth Irene Kalder wohnt ebenfalls im Lager. Sie hat Angst vor ihm. Seine eigenen Leute fürchten ihn.
Als im September 1943 das Krakauer Ghetto liquidiert wird, übernimmt Göt die Leitung. Tausende Juden werden zusammengetrieben und ins Lager getrieben, andere sofort erschossen. Kinder, alte Menschen – keiner wird verschont. Er sagt, er mache Ordnung.
Die Stadt soll „judenrein“ werden. Wer nicht gehen kann, wird am Straßenrand erschossen. Langsam entstehen Gerüchte über seinen Lebenswandel. Er trinkt viel, er isst gut, er lässt sich von den Häftlingen bedienen.
Seine offizielle Ehefrau und seine Kinder leben in Wien. Im Lager lebt er mit seiner Geliebten. Die SS-Administration beginnt zu bemerken, dass Göt mehr an seiner eigenen Macht interessiert ist als an der SS-Disziplin. Trotzdem wird er zum SS-Hauptsturmführer befördert, dem Rang eines Hauptmanns.
Die Morde werden toleriert. Der Alkohol wird toleriert. Alles wird toleriert, solange er die „Ordnung“ aufrechterhält. Als die Front näher rückt und Plaszow im Sommer 1944 aufgelöst wird, werden die Häftlinge in andere Lager transportiert – viele nach Auschwitz.
Göt begleitet die Auflösung mit derselben Brutalität wie zuvor. Er jagt die letzten Häftlinge wie Tiere, erschießt sie auf der Flucht. Im September 1944 wird er von der SS wegen Korruption und Misswirtschaft verhaftet. Er hat Häftlingsgelder unterschlagen – Gold, Schmuck, Geld.
Aber die Ermittlungen schleppen sich hin. Der Krieg endet. Göt wird unter falschem Namen von den Amerikanern gefasst. Es dauert nicht lange, bis man seine Identität aufdeckt.
Er wird nach Polen ausgeliefert, wo er vor ein Gericht gestellt wird. Am 5. September 1946 wird Amon Göt zum Tode verurteilt. Am 13.
September 1946 wird er in Krakau gehängt. Seine letzten Worte: „Heil Hitler. “ Er bleibt bis zum Ende seiner Überzeugung treu. In seinem Prozess zeigt er keine Reue.
Er behauptet, er habe nur Befehle ausgeführt. Er sei kein Mörder, sondern ein Verwalter gewesen. Doch die Zeugen – Überlebende von Plaszow – schildern die Wahrheit. Sie erzählen von einem Mann, der aus reiner Lust tötete.
Von einem Mann, der auf seinem Balkon stand und auf Gefangene schoss, wenn er sich langweilte. Göt wird nicht wegen „Befehlsgehorsams“ verurteilt, sondern wegen eigener Initiative zum Massenmord. Er hat nicht nur gehorcht. Er hat genossen.
In der Nachkriegszeit wird sein Leben zur Vorlage für den Film „Schindlers Liste“. Amon Göt wird zur Symbolfigur des willkürlichen Nazi-Terrors. Doch die historische Wahrheit ist noch schlimmer als die filmische Darstellung. Er war nicht nur ein Sadist – er war ein Systemmann, der seine Aufgabe mit Überzeugung erfüllte.
Die SS brauchte Leute wie ihn. Und er brauchte die SS, um seine dunkelsten Triebe auszuleben. Beide haben sich gefunden – und beide haben Millionen Menschen das Leben gekostet.


