„Ich habe jahrelang jeden Dienstag und Donnerstag zwei Cappuccinos durch die Executive Etage getragen, nur um Kellem zu sehen. Er war der beste Freund meines Bruders. Mein Chef. Und mein größtes…

„Ich habe jahrelang jeden Dienstag und Donnerstag zwei Cappuccinos durch die Executive Etage getragen, nur um Kellem zu sehen. Er war der beste Freund meines Bruders. Mein Chef. Und mein größtes...

Sie schwebte mit zwei Cappuccinos durch die Executive Etage, ihr honigblonder Pferdeschwanz wippte bei jedem berechneten Schritt. Einer der Becher war für Herrn Petersen aus der Buchhaltung. Der andere war ihr sorgfältig getarnter Vorwand, um zufällig mit Kellem Stein zusammenzustoßen. Seit fast einem Jahrzehnt war Kellem der beste Freund ihres Bruders Jake.

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Jeden Sonntagabend saß er bei ihnen auf dem Sofa, schaute Fußball und plünderte ihren Kühlschrank, als wären sie noch immer mittellose Studenten. Nur war Sienna längst nicht mehr das schmale Teenagermädchen mit Zahnspange. Sie hatte ihren Abschluss im Hospitality Management gemacht und arbeitete seit zwei Jahren im Flagschiffhotel, das ausgerechnet Kellem gehörte. Die Position hatte sie sich erarbeitet, das redete sie sich zumindest ein, wenn die anderen Rezeptionistinnen leise über Vetternwirtschaft tuschelten.

Die Aufzugstüren glitten auf. Sie sah ihn sofort, vor dem Konferenzraum, das anthrazitfarbene Sakko maßgeschneidert über seinem athletischen Oberkörper. Sein dunkles Haar war leicht zerzaust, als hätte er sich wiederholt mit der Hand hindurchgefahren. Sie erlaubte sich genau drei Sekunden, um den Anblick zu genießen.

Dann legte sie eine Maske aus lässiger Freundlichkeit auf. „Guten Morgen, Kellem“, sagte sie bewusst hell und benutzte absichtlich seinen Vornamen, nicht wie die anderen Angestellten, die ihn steif als „Herr Stein“ anredeten. „Du siehst aus, als könntest du Koffein gebrauchen. “

Er hob den Blick.

Für einen Herzschlag lang blitzte etwas in seinen stahlgrauen Augen auf, bevor die professionelle Ruhe zurückkehrte. „Ich hatte schon drei Tassen. Versuchst du mich umzubringen? “

„Ich bin einfach aufmerksam.

“ Sie hielt den Cappuccino hin, unschuldig lächelnd. „Es sei denn, du bist jetzt zu wichtig für kostenlosen Kaffee. “

Kellem nahm den Becher entgegen, seine Finger streiften ihre. Ein kurzer, unschuldiger Kontakt, und doch schoss ein elektrischer Impuls durch ihren Arm.

Sie zwang ihr Gesicht zur Neutralität. „Ich bin niemals zu wichtig für irgendetwas Kostenloses. Das hat mir Jake beigebracht. Wie läuft die Fusion?

Sienna lehnte sich lässig an die Wand, schlug ein Bein über das andere. Die Frage war ernst gemeint, aber die Pose war pure Strategie. Sie wusste genau, welche Signale er empfänglich machten. „Wie erwartet.

Viel Papierkram, zu viele Meetings, und die Anwälte streiten sich um Vertragsdetails, die niemanden interessieren. “ Er nahm einen Schluck. „Aber der Kaffee hilft. Danke.

„Jederzeit. “ Sie warf ihm einen Blick zu, der eine Einladung sein sollte. „Falls du noch mehr Aufmerksamkeit brauchst, weißt du, wo ich bin. “

Sein Grinsen wurde breiter.

„Ich weiß. An der Rezeption. Immer lächelnd. Immer perfekt.

„Es freut mich, dass du es bemerkst. “ Sie drehte sich um, ließ ihre Hüften einen winzigen Moment länger schwingen als nötig, bevor sie den Flur hinunterging. Sie spürte seinen Blick im Rücken, wie ein warmes Kribbeln auf der Haut. „Sienna?

“ Seine Stimme hielt sie an. Sie drehte sich um, eine Augenbraue gehoben. „Zieh heute Abend etwas Schönes an. Ich habe einen Tisch bei „Nordlicht“ reserviert.

Ihr Herz setzte einen Schlag aus. Das „Nordlicht“ war das exklusivste Restaurant der Stadt. „Für einen geschäftlichen Termin? “

„Für uns.

“ Er nahm einen weiteren Schluck Kaffee, als wäre nichts dabei. „Acht Uhr. Ich hole dich ab. “

Sie nickte, drehte sich um und ging weiter.

Ihr Lächeln war breit, aber ihr Kopf drehte sich. Für uns. Was bedeutete das? Sie arbeitete in seinem Hotel.

Er war der beste Freund ihres Bruders. Sie reckte das Kinn und ging entschlossen weiter. Sie liebte ihn seit Jahren, zugegebenermaßen. Jetzt würde sie herausfinden, ob dieser Abend alles verändern oder alles zerstören würde.

Um Punkt acht Uhr stand sie vor dem Spiegel, ihr rotes Kleid saß perfekt, ihre Haare fielen in weichen Wellen über ihre Schultern. Sie hatte sich Zeit genommen, hatte sich Mühe gegeben, hatte sich geschminkt, wie sie es nie für die Arbeit tat. Sie war bereit. Die Türklingel ertönte.

Sie öffnete die Tür und erstarrte. Vor ihr stand nicht Kellem. Es war Jake, ihr Bruder. Und hinter ihm, im Flur, stand Kellem mit einem Blumenstrauß in der Hand.

Er sah gut aus, fast zu gut in seinem dunklen Anzug. Aber sein Gesicht war angespannt, und Jake sah aus, als hätte er eine Rede vorbereitet. „Sienna“, begann Jake, seine Stimme ungewohnt ernst. „Wir müssen reden.

Über dich und Kellem. Über dieses – Ding zwischen euch. “

Ihr Magen zog sich zusammen. „Was redest du da?

Es gibt kein „Ding“. Wir sind Kollegen. Freunde. “

„Kellem hat es mir erzählt.

Heute Nachmittag. Er wollte mich um Erlaubnis fragen, dich auszuführen. “ Jake verschränkte die Arme. „Stell dir vor, wie ich mich gefühlt habe, als mein bester Freund mir sagt, dass er etwas für meine kleine Schwester empfindet.

„Jake, ich bin nicht mehr klein. Ich bin erwachsen. Ich kann meine eigenen Entscheidungen treffen. “

„Das ist nicht der Punkt“, sagte Jake scharf.

„Der Punkt ist, dass er dein Chef ist. Der Punkt ist, dass ich euch beide seit Jahren kenne und genau weiß, wie so etwas endet. Bei dir im Heimweh, bei ihm im schlechten Gewissen, und bei mir in der Mitte, wenn ich den Scherbenhaufen aufkehren muss. “

„Das ist nicht fair“, flüsterte sie.

Sie spürte, wie ihr Gesicht heiß wurde, wie sich ihre Hände zu Fäusten ballten. Kellem trat vor, seine Stimme ruhig, aber fest. „Jake, ich habe dir gesagt, dass ich sie liebe. Ich habe dir gesagt, dass ich bereit bin, auf alles zu verzichten, wenn es sein muss.

Auf das Hotel, auf meinen Posten, alles. Ich will nur sie. Sag mir, was ich tun soll. “

„Du sollst gehen“, sagte Jake eiskalt.

„Du sollst sie gehen lassen. Sie hat eine Karriere bei dir. Sie hat eine Zukunft. Wenn ihr beiden euch vermischt und es schiefgeht, verliert sie mehr als du.

Du hast dein Imperium. Sie hat nur diesen Job. “

Die Worte trafen sie wie ein Schlag. Sie sah Kellem an, sah den Schmerz in seinen Augen, sah, wie er um Worte rang.

Und in diesem Moment wusste sie, dass Jake nicht aufzuhalten war. Er würde jeden Funken dieser Beziehung ersticken, bevor er wachsen konnte. „Jake, geh nach Hause“, sagte sie leise, und ihre Stimme zitterte nicht. Sie war ruhig, eisern.

„Das hier geht dich nichts an. “

„Sienna…“

„Ich sagte, geh nach Hause. “

Jake starrte sie einen langen Moment an, dann nickte er langsam. „Wie du willst.

Aber denk an meine Worte, wenn du morgen aufwachst und alles kaputt ist. “ Er drehte sich um und ging. Sie stand allein in der Tür, Kellem vor sich, den Blumenstrauß noch immer in der Hand. Sein Gesicht war eine Maske aus Belastung und Hoffnung.

„Ich hole dich trotzdem ab“, sagte er leise. „Wenn du willst. Wenn du das alles noch willst. “

Sie trat einen Schritt auf ihn zu.

„Ich glaube, wir müssen gar nicht ausgehen. Wir müssen reden. Jetzt. Über uns.

Über ihn. Über alles. “ Sie deutete auf die Tür. „Komm rein.

Er folgte ihr, und sie schloss die Tür hinter ihm. Sie führte ihn ins Wohnzimmer, setzte sich auf das Sofa, wo er sonst jeden Sonntag mit Jake Fußball schaute. Er setzte sich neben sie, den Abstand zwischen ihnen so klein wie eine Entscheidung. „Ich liebe dich“, sagte er einfach.

„Ich weiß, dass es kompliziert ist. Ich weiß, dass Jake nichts davon hören will. Aber ich liebe dich, und ich will nichts anderes, als mit dir zusammen zu sein. Was auch immer es kostet.

Sie sah in seine Augen und wusste, dass er es ernst meinte. Und in diesem Moment traf sie die Wucht dessen, was auf dem Spiel stand: ihre Karriere, ihre Familie, ihre Zukunft. Alles für eine Liebe, die sie nicht geplant hatte. „Ich weiß nicht, ob ich das kann“, flüsterte sie.

„Ich weiß nicht, ob ich meinen Bruder dafür opfern kann. Er ist alles, was ich habe. “

„Das bist du nicht“, sagte Kellem. „Ich bin auch da.

Und ich werde für dich da sein, was auch immer du entscheidest. Aber ich muss eine Entscheidung hören. Ich muss wissen, ob wir das versuchen oder ob wir es lassen. “

Sie atmete tief ein.

„Ich brauche Zeit. Nur eine Nacht, um das alles zu sortieren. Versprich mir, dass du morgen hier sein wirst. Dass wir reden.

Dass du nicht einfach verschwindest. “

Er nahm ihre Hand, sein Griff warm und fest. „Ich verspreche es. Morgen.

Hier. Wir werden reden. Wir werden alle Fragen klären. Ich gehe nicht.

Sie sah ihm in die Augen und wusste, dass er wahr sprach. Aber tief in ihr flüsterte eine Stimme von Jake, von den Gerüchten, von der Angst. Morgen würde alles anders sein. Die Frage war nur: wie?